Der Mythos Bayreuth nimmt Musikredaktorin Annelis Berger gefangen

Das Festspielhaus in Bayreuth ist jeden Sommer ein Pilgerort für Promis, Wagnerianer und ganz normale Journalistinnen. Musikredaktorin Annelis Berger war dieses Jahr wieder dort und erklärt, warum sie sich auf dem grünen Hügel wie im falschen Film fühlt – und doch so fasziniert ist.

Annelis Berger trägt einen Strohhut. Sie steht vor einem Gebüsch.

Bildlegende: Sie ist keine Wagnerianerin – und doch ziehen Annelis Berger die Bayreuther Festspiele immer wieder in den Bann. SRF / Matthias Willi

Das erste Mal schleppte mich eine Freundin aus Norddeutschland mit. Sie hatte mir ein Ticket für «Siegfried» versprochen, den dritten Teil der Tetralogie von Wagners «Ring». Ich nahm neugierig an und war schon am Tag vorher vor Ort, als die «Walküre» gespielt wurde. Kurzerhand meinte die Freundin: «Komm, wir schmuggeln dich rein!»

Und tatsächlich: Sie und ihr Freund schafften es, die Frau, welche die Tickets kontrollierte, abzulenken. Ich schlüpfte hinein und sass zu Füssen der beiden in der vordersten Reihe des Balkons – eng eingeklemmt.

Ich sah nicht sehr viel, hörte aber zum ersten Mal in meinem Leben diesen Orchesterklang, der so einmalig ist und dem ich sofort verfiel. Niemand glaubt mir übrigens diese Geschichte, weil es schier unmöglich ist, das «System» Bayreuth zu überlisten. Alles ist dort überreglementiert, kontrolliert, wahnhaft abgesichert. Aber die Geschichte ist wirklich wahr.

Wagner, Merkel und Gottschalk

Das war mein Anfang mit Wagner – und ehrlich gesagt bin ich inzwischen weder eine eingefleischte Wagnerianerin, noch hab ich seither jedes Jahr Bayreuth besucht. Aber immerhin: Vier mal war ich dort, gerade jetzt wieder im «Tristan». Und immer wieder nimmt mich der Mythos Bayreuth gefangen, so seltsam mich der Ort auch anmutet.

Wenn Frau Merkel in der Pause einen Schwächeanfall hat, wenn sich Herr Gottschalk mit einem Fantasiekostüm von den Fotografen ablichten lässt – beides diesen Sommer passiert – dann schaue ich zu und frage mich, was ich hier mache.

Die Musiker und der Dirigent weilen in der Unterwelt

Aber schliesslich setze ich mich auf den (diesmal regulären) harten Sitzplatz im Parkett. Es ist wie immer sehr heiss. Ich warte, bis das Licht ausgeht. Und dann weiss ich wieder, warum ich hier bin. Weil es hier so klingt wie sonst nirgends. Erstes zweifelndes Aufleuchten des berühmten Tristan-Akkordes. Langsam erobert sich das Orchester den Raum. In dieser Akustik wird man nicht überrannt von der Musik, denn das Orchester sitzt hier quasi einen Stock tiefer. Es ist versenkt, niemand sieht die Orchestermusiker oder den Dirigenten, die sind in der Unterwelt.

Wagner wollte das so. Er hat den tiefen Orchestergraben sogar abdecken lassen wie eine Muschel, damit der Klang weich, zärtlich, geheimnisvoll und warm ist – wie eine Wolke, die sich aus der Muschel hinauswagt. Damit die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne ihre endlosen Melodien singen können, ohne schreien zu müssen. Trotzdem ist dieser Klang, wenn denn der Dirigent weiss, wie er in dieser speziellen Akustik das Orchester leiten muss, klar und aussagekräftig – irgendwie weise.

Vier Stunden Sterben und Sehnen

Ich bin gespannt auf die Inszenierung: Wie löst die Wagner-Urenkelin und Regisseurin Katharina Wagner das Problem, dass diese Oper kaum Handlung hat? Der Plot ist folgender: endloses Sehnen und Sterben, während vier Stunden. So lang müssen die Sängerinnen und Sänger durchhalten – nein, nicht durchhalten, sondern höchste Leistungen erbringen.

Wie choreografiert Frau Wagner die Personen auf der Bühne? Welche Bühnenbilder erfinden sie und ihr Bühnenteam, um das grandiose Scheitern der Liebe, um die es letztendlich in dieser Oper geht, auf den Punkt zu bringen – oder besser: so zu gestalten, dass heutige Menschen, die im Alltag keine Zeit haben für Sehnsucht, Sterbensvisionen und Endlosigkeit, sich dafür interessieren?

Selten gelingt das alles. Es gibt nicht viele Sängerinnen, die Isolde wirklich so singen, wie man sich das insgeheim wünscht – mit viel Strahlkraft, aber genauso viel Sensibilität und Verletzlichkeit. Es gibt auch nicht viele Sternstunden in der Regie, was Wagner anbelangt. Zu schwierig diese Opern, diese Musik, dieser Komponist, der schwarze oder viel mehr braune Flecken hat in seiner Biographie. Zu heikel an diesem Ort, wo Hitler und Goebbels sich nach Wagners Tod die Türklinke in die Hand gaben.

Wenn man nur ewig zuhören könnte

Auch diesmal war nicht alles richtig. Aber der Orchesterklang, der war es. Gold-warm-richtig, im wahrsten Sinne des Wortes. Im letzten Akt, am Schluss, bei Isoldes Liebestod, will ich, dass es nicht mehr aufhört. Dass die Melodie endlos weitergeht. Ich ewig zuhören kann. Aber auch in Bayreuth siegt die Endlichkeit. Der Vorhang fällt.

Ich verlasse das Festspielhaus etwas wackelig – was auch an den Stöckelschuhen liegt – und warte in einer langen Schlange auf ein Taxi. Die sonst so ruhige Allee vor dem Festspielhaus ist verstopft. Ich führe Smalltalk mit einem älteren, reich aussenden Ehepaar, das jetzt ins Schloss zum Empfang des Bürgermeisters von Bayreuth fährt, um eine Wurst zu essen, wie sie sagen. Sie fanden die Regie schrecklich, wobei, der zweite Akt, der war schon fast esoterisch, sogar anthroposophisch, meint der Mann. Hm. Davon habe ich nichts gemerkt, obwohl ich ein Steinerschulkind bin. Dieser Akt spielte in einer Folterkammer. Seltsam, denke ich, vielleicht habe ich damals den Steiner falsch verstanden?

Unendliche Melodien begreifen

Endlich, die zweite Schicht Taxis rauscht heran. Ich sehe noch knapp, dass einige den weihevollen Ort in Flip-Flops, bequemen Shorts und T-Shirts verlassen. Statt einer trendigen Clutch tragen sie einen unförmigen Instrumentenkoffer. Die Musiker. Sie mussten für einmal nicht im Frack spielen. Es sah sie ja niemand.

Im Hotel trinke ich keinen Liebestrank, sondern irdischen Wein aus dem Frankenland. Und denke an die Unendlichkeit. Dass es sie für uns Menschen nicht gibt. Aber dass man ab und an das Glück hat, unendliche Melodien zu begreifen.