Der Radetzky-Marsch ist die Ritter-Schokolade der Neujahrstücke

Praktisch und befriedigend: Strauss' Radetzky-Marsch ist die traditionelle Zugabe im Wiener Neujahrskonzert. Das Stück folgt einer einfachen Struktur und am Ende darf das Publikum mitklatschen. Warum das vielfach zufriedenstellen kann.

Orchestermusiker und Dirigent stehen, bunte Konfetti fallen herunter.

Bildlegende: Jubel, Trubel und viel Geklatsche: Unser Gehirn erkennt die Struktur des Marsches auch nach einer langen Silvesternacht. Keystone

Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker wird weltweit in 90 Länder übertragen. Es bestimmt den Fernsehmorgen am 1. Januar für Millionen Zuschauer. Und es polarisiert. Die, die es schauen, freuen sich schon am Vorabend drauf. Die, welche es nicht schauen, würden lieber freiwillig eine Stunde im Schnee joggen gehen, als sich die Polkas und Walzer made in Vienna anzutun. Hingabe und Ablehnung prägen auch den für das Konzert typischen Radetzky-Marsch.

Dieser Marsch von Johann Strauss wird traditionell als dritte Zugabe gespielt. Das Publikum darf oder soll mitklatschen, mal laut, mal leise. Es darf also etwas tun, was sonst im klassischen Konzert verpönt ist. Dass so aber die grosse Freiheit im Konzertsaal ausgebrochen wäre, lässt sich allerdings nicht behaupten. Tatsächlich ist der Radetzky-Marsch so etwas wie die Ritter-Schokolade aller Neujahrs-Stücke: quadratisch, praktisch und – naja – verdammt gut gemacht.

Die «Ich-habs-doch-gewusst»-Lust

Trommelwirbel, dann vier Takte Einleitung. Und der Rest ist Musik wie vom Reissbrett. Acht Takte Ohrwurmmelodie. Dann nochmals acht Takte (die gleichen wie zuvor, aber im Forte). Dann sechzehn Zwischentakte mit einer ähnlichen Melodie. Dann wieder die ersten acht Takte im Piano, dann forte. Ein musikalisches Korsett, das vor allem eines tut: Es befriedigt ungemein. Warum? Weil immer genau das kommt, was wir erwarten. Weil genau dann die Radetzky-Melodie um die Ecke biegt, wenn wir sie erwarten. Und prompt möchten wir in die Hände klatschen, vor Freude, aus lauter «Ich-habs-doch-gewusst»-Lust.

Der Mitklatsch-Effekt ist berechnet. Von Herrn Strauss, der, dem Feldmarschall Radetzky nicht unähnlich, aus seiner Gruft heraus die Massen mobilisiert. Und von unserem Gehirn, das die einfache Struktur des Radetzky-Marsches auch dann erkennt, wenn am Silvesterabend zuvor ein Tröpfchen zuviel im Champagnerkelch war. Und vom Kind in uns, das nur etwas will: mitklatschen. Bei einem Militärmarsch zu einen Anlass, der – auch bei Siegesmärschen kaum vermeidlich – zuvor ein paar Tote zurückgelassen hat.

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