Der vergessene Komponist: ein Stück Schweizer Musikgeschichte

Die Musik von Armin Schibler ist heute kaum noch zu hören, obwohl er einst zu den meistaufgeführten Komponisten der Schweiz gehörte. Er unterrichtete Musikgrössen wie Daniel Fueter und Werner Bärtschi. Vor dreissig Jahren starb der Komponist und Musikpädagoge in Zürich.

Armin Schibler sitzt lachend vor bunten Blumen.

Bildlegende: Schiblers Schüler brachten Jazz und Rock in den Unterricht. Er schuf daraus eine Art Crossover. Keystone

Wenn er das Interesse seiner Schüler spürte, begann er zu sprühen. Dann erzählte er begeistert aus der Musikgeschichte, stellte die neuste Musik vor und gab nebenher den besonders Begabten auch Kompositionsunterricht – gratis, versteht sich.

Er lehrte die Grossen

Armin Schibler war ein leidenschaftlicher und engagierter Pädagoge. Fast vier Jahrzehnte lang, von 1947 bis kurz vor seinem Tod 1986, war er Musiklehrer am Gymnasium Rämibühl in Zürich.

Aus seinen Klassen gingen einige bemerkenswerte Schweizer Musiker hervor. Zum Beispiel Daniel Fueter und Werner Bärtschi, beides Pianisten und Komponisten, oder später der Jazzsaxophonist Daniel Schnyder, der heute in New York lebt und arbeitet.

Komponiert und kombiniert

Es sind allesamt Musiker, die auf eigenwillige Weise Karriere machten. Dabei war Schibler nicht nur Pädagoge, sondern selber einer der bekanntesten und meistaufgeführten Schweizer Komponisten – zumindest in den 1950ern und 1960ern. Ernest Ansermet, Ferenc Fricsay, Josef Keilberth, Rudolf Kempe oder Eugene Ormandy dirigierten seine Werke.

Der 1920 in Kreuzlingen geborene Schibler trat vor allem auch mit Opern hervor. «Die späte Sühne» nach C.F. Meyer wurde 1955 bei den Zürcher Junifestwochen gezeigt.

1962 folgte dort unter Nello Santi die Burleske «Blackwood & Co.». Verschiedenste Einflüsse verbanden sich in Schiblers Musik: Neoklassik und Spätromantik. Auch mit der Zwölftontechnik setzte er sich auseinander.

Gerade noch modern, dann schon veraltet

Bald freilich begann ein anderer Wind zu wehen: Die Avantgarde aus Darmstadt und Donaueschingen, aus Paris, Köln und New York stellte die Musik regelrecht auf den Kopf. Wer gerade noch als Modernist galt, wurde bald schon als démodé ad acta gelegt.

Auch in der Schweiz drängte eine junge, ungemein frische Komponistengeneration nach. Schibler interessierte sich durchaus dafür, war neugierig, beschäftigte sich auch mit der Musikphilosophie Adornos.

Zurück ging es nicht

Werner Bärtschi erinnert sich, wie sein Lehrer nach dem Sommer, von den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik heimkehrend, von der Avantgarde erzählte, dabei aber innerlich auf Distanz ging.

Stattdessen in die Vergangenheit zurückzukehren, kam für Schibler nicht in Frage. Er glaubte fest, dass der Komponist «durch die Techniken der jüngsten Zeit hindurchgegangen sein» müsse, aber er suchte dafür einen anderen Weg.

Vorwärts mit den Schülern

Er fand ihn bei seinen Schülern. Sie brachten den Jazz und den Rock in den Unterricht mit – und er erdachte daraus eine «Jazz-Classic-Begegnung», etwas, was wir heute vielleicht als Crossover bezeichnen würden.

So komponierte er 1976/77 im Auftrag der Zürcher Tonhalle sein «Concerto 77» für Sinfonieorchester, Bigband, Jazzrockgruppe, Stimme und Tonband. Es war für ihn Ausdruck einer «Maximal Music», in der alle Einflüsse verschmolzen.

Schibler wollte Stellung beziehen

Schibler flocht in anderen Stücken auch ökologische und gesellschaftskritische Themen ein, die ihn zutiefst bewegten. Seine «Messe für die gegenwärtige Zeit» führte er mit Schülerensembles auf. Schibler wollte Stellung beziehen.

Freilich kam dieser «Crossover» zuweilen auch ziemlich sperrig daher, er überzeugte künstlerisch zu wenig und hat kaum Spuren hinterlassen. Nach seinem Tod geriet die Musik ins Abseits. Zu hören ist sie nur noch selten.