Der Westen bestimmt, wer in der Weltmusik den Ton angibt

Wie soll der Mainstream der Weltmusik in den nächsten zwölf Monaten klingen? Darüber diskutieren «Music Professionals» an der grössten Weltmusik-Messe. Die Womex findet jedes Jahr in einer europäischen Stadt statt. Dabei zeigt sich einmal mehr: die Weltmusik ist eine westliche Angelegenheit.

Eine Hand an einem Banjo.

Bildlegende: Viele Musiker hoffen, an der Womex entdeckt zu werden. Reuters

Das Cidade da Cultura ragt auf einem Hügel ausserhalb von Santiago de Compostela. Ein monströses Konstrukt mit Archiv, Bibliothek, Museum und Kommunikationsgebäude, das fast 300 Millionen gekostet hat. Als Prestigeobjekt geplant, hat 2013 die galizische Regierung den Bau wegen der Wirtschaftskrise gestoppt. Das Hauptgebäude steht jedoch – in vollem Glanz, hochmodern, architektonisch ausgeklügelt mit seinem Wellendach.

Hier treffen sich dieses Jahr 2400 «Womexicans», wie die Besucherinnen und Besucher der Womex genannt werden. Die UNESCO bezeichnet die Messe als die wichtigste und grösste Weltmusikmesse der Welt. An 280 Ständen stellen Labels ihre neusten Veröffentlichungen vor, suchen Veranstalter Acts für ihre nächsten Konzerte oder wollen Kulturämter unbekannte Musik verbreiten.

Erfolg kostet

Unter den Besuchern sind auch zahlreiche junge Musikerinnen und Musiker. Einer von ihnen ist der Gitarrist Gareth Bonello aus Wales. In Santiago tingelt er von Konzertveranstalter zu Konzertveranstalter, um Auftritte für seine Band The Gentle Good, die aus chinesischen und walisischen Musikern besteht, zu ergattern.


Von der Womex in Santiago de Compostela

4:12 min, aus Kultur kompakt vom 30.10.2014

Dafür hat der Waliser mehrere hundert Franken Eintrittsgeld bezahlt. Dazu kommen die Kosten für die Reise, Verpflegung und die Unterkunft für fünf Tage. Eine Investition, die sich nicht jeder leisten kann. Insbesondere, wenn die Reise länger und teurer ist, eine Reise von Australien, Asien oder Afrika etwa.

Wer wird den Weltmusik-Markt prägen?

Anders sieht es bei den Showcases aus: Eine fünfköpfige Jury hat aus hunderten Weltmusik-Acts 60 ausgewählt, die die Pilgerstadt bis tief in die Nacht bespielen. Sie spielen auf sieben verschiedenen Bühnen vor einem kritischen Publikum. Viele dieser Formationen werden den Weltmusik-Markt in den nächsten 12 Monaten prägen: Vielleicht etwa die russische Band Otava Yo, die mongolische Band Ajinai oder die marokkanische Sängerin Oum.

Die Showcases bestimmt eine Jury, die seit den Anfängen vor 20 Jahren hauptsächlich aus europäischen oder US-amerikanischen Mitgliedern besteht. Ganz ähnlich sieht es bei der Vergabe des Label Awards aus, den die Womex seit 2006 vergibt: Erkoren wird jenes Album, das bei den «World Music Charts Europe» am erfolgreichsten abgeschnitten hat. Und diese Hitparade bestimmen nicht etwa die Verkäufe, sondern Radioleute aus 25 europäischen Ländern: Sie küren monatlich ihre Lieblingstracks.

An der Womex geht es also zwar um Musik aus Südamerika, Afrika oder Asien – die Fäden des Weltmusik-Marktes werden jedoch massgeblich im Westen gesponnen.