Die Biografie eines Rock’n’Roll-Vorarbeiters

Anfänglich noch als «junger Bob Dylan» vermarktet, ging Bruce Springsteen bald seinen eigenen Weg. Wie feurig, ehrlich und harzig dieser war, erzählt er in seiner eben erschienen Autobiografie «Born to Run».

Auf einer Strasse in Amerika: der junge Bruce Springsteen sitzt auf der Haube seiner Corvette.

Bildlegende: Hält sein Leben in Songs und Memorien fest: Bruce Springsteen auf seiner Corvette (1978). Keystone

Ende Juli besuchte Bruce Springsteen letztmals die Schweiz, und es war wie immer. Das Konzert dauerte etwas mehr als 3 ½-Stunden. Es war intensiv, geprägt vom Arbeitsethos des mittlerweile 66-jährigen Sängers und Gitarristen: Springsteen und seine E Street Band hören nicht auf, bis auch der letzte im Stadion aufgestanden ist.

Zu hören gab es ebenfalls das bei ihm Übliche: ein paar echte Klassiker aus eigener Feder, ein paar Coverversionen aus der Rockgeschichte, aber auch musikalische Hausmannskost, dargeboten von einer überaus routinierten, spielfreudigen Band.

Von der Bar ins Stadion

Bruce Springsteen und seine Truppe, die ihn seit Ewigkeiten begleitet, spielt nichts wesentlich anderes als noch vor 40 Jahren, als sie von New Jersey aus aufbrach, die Welt zu erobern. Eine Bar-Band auf der Bühne eines Sportstadions, mit 40‘000 anstatt 40 Zuschauern.

Springsteen ist keiner, dem die Dinge einfach so zufliegen. Er ist kein offensichtliches Genie wie Bob Dylan, kann keine packenden Melodien schreiben wie Paul McCartney oder Paul Simon. Springsteen ist ein Arbeiter oder besser: ein Vorarbeiter des Rock’n‘Roll.

Authentisch und ehrlich

Am besten mit seiner Band auf der Bühne vor einem Publikum, das er jeden Abend neu erobert, auch wenn das längst nicht mehr nötig ist. Man sieht einen Musiker, der ehrlich wirkt und menschliche Schwächen zeigt, trotz des Superstar-Status, den er sich geschaffen hat. Ein Musiker ohne Eskapaden, Drogen, Alkohol.

Bruce Springsteens Autobiografie «Born to Run» spiegelt sein Werk. Auf über 600 Seiten schildert der Musiker sein Leben, das Aufwachsen in Freehold, New Jersey, einem Städtchen nahe der Metropole New York und doch weit davon entfernt.

Kein Ausweg, aber ein Glücksmoment

Im Grunde ein unspektakuläres Leben in der US-amerikanischen Arbeiterschaft: der verschlossene, depressive irisch-stämmige Vater, die treusorgende Mutter aus italienischer Familie und deprimierende Lebensumstände armer Leute.

Kein Job, kein Geld, dafür die übermächtige katholische Kirche und der Vietnam-Krieg, der alle erwartet. Zuhause gibt es nur gebrauchte Autos und scheinbar keinen Ausweg aus diesem Leben.

Doch der junge Springsteen findet sein persönliches Glücksmoment: Elvis Presley tritt im Fernsehen auf, ein paar Jahre später die Beatles. Es soll die Gitarre sein, die ihm zu einem anderen Leben verhilft. Er übt beharrlich, alles andere wird unwichtig. «Ich hatte ein gewisses Talent», schreibt Springsteen, der Rest war viel Arbeit.

Laut, feurig, einfach

Springsteen schildert sein Leben mit Eindringlichkeit und einer guten Portion Offenheit, in einer einfach gehaltenen Sprache. Wenn es aber um die Kraft des Rock’n’Roll geht, um die Rettung aus den Lebensumständen in New Jersey, werden die Zeilen zum Songtext.

Sie werden lauter, feuriger und verlieren ihren literarischen Anspruch. Aber diese Sprache bleibt ehrlich, ganze 663 Seiten lang. Zu lang, wie auch seine Konzerte. Aber wer nimmt ihm das übel?

Sendung: Kultur Aktuell, Radio SRF 2 Kultur, 30. September 2016, 16.50 Uhr

Buchhinweis

Bruce Springsteen: «Born to Run – die Autobiografie». Heyne Verlag, 2016.