Die Kiste – ein musikalischer Flug übers Appenzellerland

Klangtüftler und Musiker Patrick Kessler hat die Töne seiner Heimat Appenzell gesammelt und in eine Jukebox verpackt. Aber passt die ganze Appenzeller Klanglandschaft wirklich in eine Kiste? Wahrscheinlich nicht. Für eine überraschend witzige und anrührende Momentaufnahme sorgt sie dennoch.

Kiste in der Luft.

Bildlegende: Die Feier zu den 500 Jahren Eidgenossenschaft des Appenzellerlandes ist vorbei, die Kiste und ihre Klänge aber bleiben. Patrick Kessler

200 Vinyl-Singles, innen und aussen liebevoll gestaltet und in einer überdimensionalen Jukebox verstaut, das ist die Kiste. Auf jeder Scheibe finden wir Musik, Texte, Geräusche oder eine Kombination davon. Zusammen ergibt das ein buntes, klingendes Mosaik.

Der Musiker und Klangtüftler Patrick Kessler aus Gais hat die Kiste aufgebaut. Er versteht sich allerdings nicht als Kurator dieser Sammlung, sondern ganz nüchtern als Dokumentalist. So hat er auch kaum inhaltlich eingegriffen, sondern einfach alle Einsendungen der Reihe nach in die Kiste integriert. Bis sie voll war. Das Limit stand von vornherein fest: 200 Titel. Nicht mehr und nicht weniger.

500 Jahre Beitritt zur Eidgenossenschaft

Mann mit Mikrofon auf Leiter am Baum.

Bildlegende: Ein Tonjäger unterwegs auf Klangfang für die Kiste. Patrick Kessler

Anlass für Kesslers Kiste aus Holz war eine andere, grössere Kiste: Die letztjährige 500-Jahr-Feier zum Beitritt des Appenzells zur Eidgenossenschaft. Damals, 1513, war das Appenzellerland noch eins. Die konfessionelle Aufteilung in den katholischen Halbkanton Innerrhoden und den evangelischen Halbkanton Ausserrhoden kam erst später als Folge der Reformation.

Der Auftrag an Patrick Kessler war klar: Ein Projekt, das klingt und verbindet, das die Kantonsgrenzen vergessen macht. Die Idee der Tonsammlung war schnell geboren, der Aufbau indes langwierig: Inserieren, die Leute zum Mitmachen ermutigen, die eingesendeten Tracks zurechtstutzen und teils selber vor Ort aufzeichnen. Und natürlich die Kiste entwerfen und schreinern lassen. Wichtig war auch die Gestaltung der Covers.

Und dann kam der grosse Moment: Der Auftritt der Kiste mitsamt DJ und der sogenannten Ledi-Bühne. Von Mai bis Oktober 2013 zog die Veranstaltung durchs Land. Und die Leute kamen und wühlten sich durch die 200 Singles, begutachteten die Covers, wählten aus, diskutierten, lachten. «Kennst du den? Hör dir das mal an! Wie klingt die denn..?»

Nicht nur Appenzell-Klischees

Wer nun bei diesen 200 Titeln vor allem die üblichen Verdächtigen erwartet, also Appenzeller Streichmusik und Trachtenchörli, der liegt nur zu einem kleinen Teil richtig. Der Rest untergräbt das Klischee ganz gewaltig: Da gibt es Aufnahmen hochkarätiger Jazzmusiker, von Electronica-Soundtüftler, Rapper, Poetry-Slamerinnen, Geräuschejägern und Ornitologen. Aber auch von verliebten Reifenhändlern oder tango-tanzenden Schuhmachern. Einige davon sind Profi-Künstler, die meisten aber Laien, Autodidakten.

Wie etwa der Jodlerklub Echo vom Kurzenberg in Walzenhausen. Die Jodler waren sich nicht daran gewöhnt, dass jemand mit dem Mikrofon auftaucht und Aufnahmen macht. Patrick Kessler muss heute schmunzeln, wenn er davon erzählt. Die Aufregung unter den singenden Herren älteren Semesters war so gross, dass prompt jemand kollabiert ist. Die Ambulanz kam und fertig war’s mit Aufzeichnen. Ein Titel war zum Glück bereits im Kasten und der betroffene Sänger schnell wieder genesen.

Die 500-Jahr-Feier ist vorbei, die Kiste aber bleibt. Man kann sie für Anlässe mieten, hie und da wird sie an ein Musikfestival eingeladen. Und wenn sie niemand mehr haben will, dann landet sie wohl im Kantonsarchiv Ausserrhoden. Als klingender Zeuge, der sagt: So hat es getönt im Appenzellerland 2013.

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