«Die Musik ist die Konkretisierung des Märchens»

Der italienische Liedermacher Vinicio Capossela ist ein singender Erzähler mit dem Hang zum Surrealen – ein Hexenmeister. Seine Konzerte sind karnevalske Zirkusshows mit dutzenden Instrumenten. Im Interview philosophiert er über die Gemeinsamkeit zwischen Märchen und Musik.

Ein italienischer Sänger mit Mütze und Bart.

Bildlegende: «Dazu verdammt, misstrauisch zu sein»: Vinicio Capossela. Getty Images

Vinicio Capossela, in einem Märchen, welche Figur wären Sie am liebsten?

Der Erzähler.

Warum?

Ich identifiziere mich sehr mit den Aöden, das waren die singenden Dichter im alten Griechenland. Meistens waren sie blind, denn man glaubte Menschen, ohne Augenlicht hätten die grössere Phantasie. Meine Leidenschaft für das Erzählen hat aber auch mit der Herkunft meiner Familie zu tun: Im Süden Italiens, in Irpinia, gibt es eine grosse Tradition der Geschichtenerzähler. Es gehört dazu, sich übernatürliche, angsteinflössende Kreaturen und märchenhafte Charaktere auszudenken.

Auch Ihre Lieder sind voller märchenhafter Figuren: Nixen, Matrosen, Riesen, die Tiere des Meers oder Helden aus der griechischen Mythologie. Was unterscheidet das Märchenerzählen vom Erzählen mit Musik?

Für mich gibt es da keinen Unterschied. Ich würde sogar sagen: Die Musik ist die Konkretisierung des Märchens, weil sie die Emotionen anspricht.

Und weil sie genauso in fremde Welten entführen kann?

Ja. Ich spreche aber lieber von der «Auslöschung der Ungläubigkeit». Wenn ich Konzerte gebe oder Lieder singe, dann will ich, dass das Publikum mir glaubt. Wir sind dazu verdammt, misstrauisch zu sein, ständig müssen wir die Dinge entlarven, dürfen uns nicht an der Nase herumführen lassen. Das Märchen und die Lieder, sie haben das Potenzial, uns zu Leichtgläubigen zu machen. Das ist wie wenn wir ein Theater betreten: dann sind wir bereit für zwei Stunden unsere Ungläubigkeit auszulöschen.

Um für Ihre Geschichten die passende musikalische Form zu finden, bedienen Sie sich verschiedener Musikkulturen: Flamenco, Klezmer, Blues, Rembetiko und Tarantella. Warum ziehen Sie genau diese Musikstile an?

Mir gefällt Musik mit schwarzer Galle. Rembetiko, Flamenco, Morna, das ist Musik mit einem Dämon drin. Diese Musik hat keine Angst vor dem Schmerz. Und gleichzeitig trägt sie das Dionysische in sich, das Fest. Das Fest ist der Blitzableiter. Die beiden Gegensätze gehören zusammen wie Sonne und Nacht. Die Freude und das Fest sind auf der einen Seite der Medaille, die Melancholie und der Kampf auf der anderen.

Ähnlich ist es mit dem Tod: Baudelaire hat gesagt, der Künstler muss den Tod mit sich tragen wie der Pfarrer die Bibel. Aber ich füge hinzu: Er braucht auch die Liebe. Auch das sind zwei grosse Kräfte, die unsere Existenz regieren.

Diese verschiedenen Kräfte kommen vor im Lied «Polpo d’amor». Ein Tintenfisch tanzt wild durch den Ozean, dem Tod entgegen. Und er schreibt Liebesbriefe. Sind Sie dieser Tintenfisch?

Nein. Denn meine Lieder haben meistens nichts mit meiner persönlichen Biografie zu tun. Die meisten Lieder erzählen eine Biografie von uns allen, eine, die sich Geschichte und Geografie einverleibt hat. Was ich aber mit dem Tintenfisch gemeinsam habe, ist der Drang zu schreiben. Wir leben. Aber während wir leben, verstehen wir rein gar nichts. Erst wenn wir kurz innehalten, uns zum Schreiben oder Komponieren hinsetzen, das Leben in Gesang umwandeln, dann verstehen wir. Wir entdecken neue Facetten – des eigenen und des nicht gelebten Lebens.

Sie sind gerade auf Tour durch Europa und spielen mit der Banda della Posta aus dem Heimatort Ihrer Eltern eine Art Best-of der letzten 25 Jahre Ihres Schaffens. Sie haben Ihren Vater mit auf Tour genommen, warum?

Für meinen Vater war es ein Traum, seine Erinnerung an Bern aufzufrischen. Denn von 1959 bis 1962 hat er hier als Gastarbeiter gearbeitet, auf den Baustellen, wie viele andere Italiener. Ich fand es sehr bewegend, wie er heute auf unserem Spaziergang nach den alten Dingen Ausschau hielt. Wie Odysseus als er nach Ithaka zurückgekehrt ist, auch da war nichts mehr gleich. Auch er selbst nicht. Mein Vater hat versucht Bern aus der Erinnerung zu rekonstruieren. Und hier sehe ich einen weiteren Sinn der Musik, der Märchen, der Literatur: die Erinnerung zu retten, die wir an die Welt haben.

So wie Ihr Vater, waren Sie auch Zeit Ihres Lebens unterwegs. Haben Sie das Gefühl ein Getriebener zu sein?

Nein, denn ich glaube nicht an sowas wie ein Zuhause. Niemand hat je sein Zuhause gefunden. Selbst wenn man immer am gleichen Fleck bleibt, ist man nicht sicher. Die Welt ändert sich, ist in Bewegung, steht nie still.

Ich würde mich nicht als Getriebenen bezeichnen, sondern als Schwalbe, sie ist mein Sinnbild für das Weggehen und Zurückkommen. Denn die Schwalbe kann nur in der Luft überleben. Sie fliegt immer und landet nur in der Not. Sie ist dazu verdammt, immer unterwegs zu sein. Sie steht für mich für all jene, die ihre Füsse nicht auf den Boden bekommen.

Zur Person

Geboren 1965 in Hannover, Jugend in Mittelitalien, erste Gehversuche als Liedermacher in Bologna. Vinicio Capossela tingelt durch die Clubs in New York, zieht nach Mailand, bis ihn der Cantautore Francesco Guccini unter seine Fittiche nimmt. 1990 das Debüt, 2006 der Charthit «Che cos'è l'amor». Heute wohnt Capossela beim Mailänder Hauptbahnhof.

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