Die Musikindustrie ist tot, es lebe das Experiment

U2, Aphex Twin oder Thom Yorke: Künstler und die Musikindustrie beschreiten neue Wege, um ihre Alben an die Leute zu bringen. Der Musikindustrie dürfte nun definitiv klar geworden sein: das alte Businessmodell ist nicht mehr zu retten, das Zeitalter des Experiments hat begonnen.

Ein DJ vor einer Leinwand auf der Bühne.

Bildlegende: Was heute Experiment ist, gehört vielleicht bald zur Norm. Der Brite Aphex Twin bei einem Auftritt. Getty Images

Vergangene Woche hat sich U2-Sänger Bono Vox für das aufdringliche Geschenk seiner Band indirekt entschuldigt. Die Idee, das Album «Songs of Innocence» jedem iTunes-Benutzer zu «schenken», sei «ein wenig grössenwahnsinnig gewesen», gab Bono zu.

Dennoch brachte die etwas befremdliche Zusammenarbeit von U2 und Apple die Kommerzialisierung und Vermarktung von Musik auf ein neues Level. Künstler – oder die Musikindustrie dahinter – suchen zurzeit neue Formen der Veröffentlichung. Im Zeitalter von Social Media und der permanenten medialen Überflutung durch Information sind neue und innovative Formen gefragt.

Experimente als Innovation

Dennoch sei nicht alles Innovation, was heute passiere, sagt Clyde Smith, ein renommierter Musikkritiker und langjähriger Autor beim Musikmagazin hypebot.com. Zudem ist Smith Gründer von Flux Research, einer Organisation, die sich mit dem Wandel der Musikindustrie beschäftigt. Clyde Smith meint: «Die Veröffentlichung von U2s Album via Apple war zwar neu, aber nicht innovativ.»

Ausser der erzielten Reichweite, die eine neue Dimension angenommen habe, sei es schwierig, etwas innovativ zu nennen, das kostenlos angeboten werde. Wie innovativ die Musikveröffentlichung ist, sei aber letztendlich weniger wichtig. «Wichtiger ist die Tatsache, dass überhaupt mit neuen Formen experimentiert wird und Künstler Grenzen überschreiten». Das sei die eigentliche Innovation, so Smith.

In der analogen Welt war alles langsamer, der Vermarktungsprozess der Musikindustrie noch einfach. Zuerst eine Vorab-Single für Radiostationen und ein Musikvideo für Viva oder MTV lancieren, etwas später das Album weltweit am selben Tag in die Plattenläden stellen. Heute haben sich die Geschäftsmodelle und ganze Branchen innerhalb kurzer Zeit völlig geändert.

Innovation im Darkweb

Der Sänger Thom Yorke mit Mikrofon auf einer Bühne.

Bildlegende: Thom Yorke überraschte alle mit einem neuen Album, das er über BitTorrent veröffentlichte. Wikimedia/Henry Laurisch

«Wir sind an dem Punkt angekommen, wo die Musikindustrie realisiert hat, dass technologische Veränderungen nicht mehr ignoriert werden können», so Smith. Die speziellen Albumveröffentlichungen der vergangenen Monate – allen voran U2 – seien ein starkes Signal dafür, dass die Musikindustrie definitiv gemerkt habe, dass ihr altes Businessmodell tot sei.

Innovative Formen in der Kunst finden zurzeit vorwiegend im sogenannten Dark- oder Deepweb statt. Das Darkweb ist jener «tiefe» Raum des Internets, der (noch) frei kommerziellen Inhalten, Milliarden von Werbebannern und der Dominanz von Grossunternehmen wie Facebook oder Google ist. Abgesehen von den kriminellen Formen des Darkwebs wie Drogen- und Waffenhandel oder Kinderpornographie, dominiert dort künstlerische Anarchie und individuelle Ausdrucksform.

Experimente sind die neue Norm

Der kalifornische Produzent Lee Bannon hat mit «Alternate/Endings» ein eigenes Album produziert, das ausschliesslich von der digitalen Subkultur des Deepwebs beeinflusst ist. Der britische Musikproduzent Aphex Twin kündete im August sein neues Album «Syro» im Deepweb an und brachte damit das Parallel-Netz ins Licht der Mainstream-Medien.

Auch Radiohead-Sänger Thom Yorke wählte eine unkonventionelle Form der Album-Veröffentlichung: Er brachte im September «Tomorrow's Modern Boxes» als erstes Bezahlalbum via das Peer-to-Peer-Netzwerk BitTorrent heraus – der Ort, wo sonst illegal Musik, Filme und Software getauscht werden.

Neue Technologien und virtuelle Räume wie das Darkweb erzeugen neue Kunstformen. Diese wiederum beeinflussen die Pop- und Mainstreamkultur. «Zurzeit werden so viele Dinge ausprobiert, einige davon werden schon bald zur Norm gehören», sagt Clyde Smith. Es kann gut sein, dass sich in den kommenden Monaten oder ein bis zwei Jahren eine neue Form von Veröffentlichung entwickelt, die bisher noch unbekannt ist, dann aber zur Norm wird. Clyde Smith: «Neue Formen halten die Kunst und Industrie frisch.»

Die erwähnten Alben

  • Aphex Twin: «Syro» (Warp)
  • Thom Yorke: «Tomorrow's Modern Boxes»
  • U2: «Songs of Innocence» (Island)
  • Lee Bannon: «Alternate/Endings» (Ninja Tune)