Die neuen Enfants terribles der E-Musik

Nur Musik der Musik wegen machen – das reicht nicht. Ein Statement zu Politik, Gesellschaft, ja der Welt muss auch durch die Musik spürbar sein. So das Credo einer neuen Generation von Musikern. Damit sorgen die «neuen Konzeptualisten» immer wieder für Eklats.

Johannes Kreidler in weissem Jackett blickt in die Kamera.

Bildlegende: Provoziert gern mit seinen Konzepten: Der 35-jährige Komponist Johannes Kreidler. Esther Kochte

Wer sich Anfang Februar in Stuttgart das Schlusskonzert des ECLAT-Festivals anhörte, der bekam Phantomschmerzen. Beim berühmten Stück Boléro von Ravel fehlte nämlich etwas Entscheidendes: die Melodie. Der Komponist Johannes Kreidler hatte sie ausradiert.

Es gibt sie also doch noch: Die kleinen Skandale an den grossen Festivals. Zuletzt eben in Stuttgart. Der 1980 geborene deutsche Komponist Johannes Kreidler hat sich einen Namen gemacht mit seinen Konzeptstücken, die zum Nachdenken anregen – spitzfindig und provokant.

GEMA-Vorschriften ad absurdum geführt

Ein Mann schaut in einen Lastwagen hinein, in dem sich Papierbündel stapeln.

Bildlegende: Kreidlers GEMA-Projekt. Flickr/ Julia Seeliger

2008 etwa komponierte er «product placements». Das Stück dauert genau 33 Sekunden und es kommen darin nicht weniger als 70‘200 Fremdzitate vor. Diese Fremdzitate meldete Kreidler ganz korrekt bei der GEMA an (der deutschen Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) und füllte für jedes Zitat ein Formular aus. Schliesslich fuhr er mit einem Lastwagen voller Papier bei der GEMA in Berlin vor und lieferte die 70‘200 Formulare ab. Johannes Kreidler hat damit den GEMA-Formalismus rund um das Urheberrecht seiner Absurdität überführt.

Für das Werk «Fremdarbeit» heuerte Kreidler 2009 Komponisten aus den Billiglohnländern China und Indien an, damit sie seinen Stil plagierten. Er bezahlte ihnen sehr viel weniger Geld als er selber bekam. Kreidler machte also dasselbe, was wir heute mit jedem T-Shirt-Kauf tun. Zugleich stellte er die Kategorie des Autors, des Werks, des sogenannt eigenen Stils gründlich in Frage und thematisierte die täglichen Ausbeutungsprozesse der globalen Weltwirtschaft. Das ist politische Musik der neuen Art.

Nackter Bolero

Und jetzt also der Boléro ohne Melodie. «Minus Bolero» nennt Johannes Kreidler sein Stück. Weil ihm eben etwas fehlt. Das, was wie ein Komponisten-Scherz wirkt, ist tatsächlich aber eine spannende Erfahrung: Es ist faszinierend zu hören, wie farbenreich Ravel die Begleitstimmen instrumentiert hat. Und natürlich – weil das Stück so bekannt ist – versucht die innere Stimme während der ganzen Aufführung die fehlende Melodie zu ergänzen. Das ist irritierend wie ein Phantomschmerz.

«Minus Bolero» regt aber auch an, über Orchesterhierarchien nachzudenken: Jene Musiker, die normalerweise Solo spielen, sitzen nun still auf ihren Stühlen, selbst die ersten Geigen schweigen (meistens). Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, welches Kreidlers «Minus Bolero» am Festival ECLAT aufführte, fühlte sich veräppelt und konnte nur mit Mühe zum Konzert überredet werden. Skandal!

Statements zur Welt

Kreidlers «Minus Bolero» ist typisch für eine aktuelle Musikströmung, den sogenannten «neuen Konzeptualismus». Hier steht nicht die pure Musik im Fokus. Vielmehr möchten die Komponistinnen und Komponisten mit ihren Stücken ein Statement abgeben: zur Welt, zu Politik und Gesellschaft, zu unserem Alltag.

Diese Konzeptstücke lassen oft mehrere Deutungen zu und regen zu Diskussionen an. «Minus Bolero» könnte unter anderem als Kritik an unserer Überflussgesellschaft verstanden werden – das deutet Johannes Kreidler zumindest an.

Pop und Prothesen

Kreidler ist also nicht der einzige «Konzeptualist». Die Deutsche Brigitta Muntendorf (geboren 1982) etwa arbeitete in ihr Stück «Key of presence» (uraufgeführt beim ECLAT am 7.2.2015) Teile eines anderen, nicht fertiggestellten Stückes ein – Relikte also von etwas Unfertigem. Und auch die Pop-Songs, die sie nachts schreibt, hat sie in die Komposition integriert.

Der belgische Komponist Stefan Prins (*1979) wiederum thematisiert in seinem Zyklus «Flesh + Prosthesis» die Erweiterung des menschlichen Körpers, ähnlich einer Prothese. Der Körper wird zu einem Hybrid, halb Technologie, halb Fleisch und Blut. In seinem Stück «Mirror Box» (Uraufführung ebenfalls beim ECLAT) stehen drei reale Musiker auf der Bühne, sie sind aber umgeben von Lautsprechern, aus denen elektronische Klänge ertönen.

Die Aufregung tut gut

Diese Lautsprecher-Sounds wurden von den Interpreten vorproduziert und anschliessend weiterverarbeitet. So entsteht eine Art von hybrider Klangwelt, in der es unmöglich ist zu unterscheiden, wer welche Klänge produziert. Ein Stück, das mit der Frage spielt: Wo hört der Mensch auf, wo beginnt die Maschine?

Die Aufregung rund um Konzeptstücke wie «Minus Bolero» tut gut. Denn die Erfahrung regt zum Nachdenken an. Und sie trägt dazu bei, die Wirklichkeit besser zu verstehen und sie differenzierter wahrzunehmen.

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