Die Pianistin Galina Vracheva skypt bei Konzerten mit dem Glück

Was in Galina Vrachevas Inneres gelangt, kommt als Klang wieder heraus. Die Pianistin hört, liest, denkt. Dann setzt sie sich ans Klavier, schliesst die Augen – und die Hände finden wie von selbst ihren Weg über die Tasten. Was bei diesen Improvisationen entsteht, ist eine Art Snapshot ihrer Seele.

Galina Vracheva am Klavier. Sie trägt ein schwarzes Spitzen-Oberteil.

Bildlegende: Gute und schlechte Noten? Das gibt es laut der Pianistin Galina Vracheva nicht. Mat Hannek

Plovdiv ist die zweitgrösste Stadt in Bulgarien. Es gibt ein Konservatorium, eine Oper, ein antikes Theater und, um eine historische Altstadt herum, jede Menge sozialistischer Protzbauten. Und seit jüngstem gibt es in Plovdiv ein Kultur- und Musikfestival, das von der Pianistin Galina Vracheva geleitet wird.

Spielzeugklavier statt Puppen

Damit kehrt sie sozusagen in ihre Heimat zurück. Oder sagen wir, sie bringt ihrer Heimatstadt etwas zurück, das dort seinen guten Anfang nahm. Denn das hochbegabte Kind, das mit drei Jahren zwar eine Puppe bekommt, aber lieber am Spielzeugklavier der gleichaltrigen Cousine sitzt, fällt dadurch auf, dass es mit dem kleinen Finger mühelos alle Melodien und Lieder nachspielt.

Nun war Plovdiv weit hinter dem eisernen Vorhang und ein eigenes, ein richtiges Klavier gibt es weit und breit keines. Aus Ost-Berlin organisieren die Eltern aber ein Akkordeon, von einem pensionierten Dirigenten bekommt Klein-Galina Unterricht. «Er hat mir alles beigebracht, was wichtig ist, auch dass g-Moll in anderen Sprachen sol mineur oder g minor heisst», sagt Galina Vracheva.

Talentiert und unbekümmert

Wie sie da ihre Bässe üben muss – m-pa-pa, m-pa-pa – wird ihr ein bisschen fad und sie beginnt, mit der rechten Hand dazu eigene Melodien zu spielen. Mutter ist begeistert: Das Kind komponiert! Während ihr der Lehrer klarmacht, nur Notiertes und Fixiertes, nur das Wiederholbare ist auch Kunst. «Ich habe nicht verstanden, was er meint», erinnert sich Vracheva.

Auch als sie, unbekümmert, aber voller Vorfreude, mit dem Akkordeon die Bühne betritt und sich bei Wettbewerben jeweils die ersten Preise holt, versteht sie die ganze Aufregung der Erwachsenen nicht. «Ich wollte doch einfach nur spielen, weil ich Freude daran hatte, und weil ich hoffte, andern auch eine Freude zu machen.»

Klavierspielen wird eine ernste Sache

Mittlerweile hat sie ein Klavier, mittlerweile ist auch klar, dass sie ihr Leben damit verbringen würde. In Moskau, am renommierten Tschaikowsky-Konservatorium, wird es bisweilen ein bisschen schwierig mit der einfachen Freude am Spielen.

Denn dort sitzt die Jungstudentin täglich acht Stunden und mehr am Klavier. Die Ausbildung ist gründlich und was man lernt, das ist fürs Leben: die solide Technik, das gesamte Konzert-Repertoire – aber auch, dass Klavierspielen eine ernste Sache ist. Im Gegensatz zum Improvisieren: Wenn sie dabei erwischt wird, gibt’s Schelte.

Die Pflegerin am Klavier

Dass sie auch im Leben eine Meisterin der Improvisation ist, kommt ihr zugute, als sie als alleinerziehende Mutter nach Zürich kommt – ohne Geld, ohne Anstellung, eigentlich ohne allen Rückhalt. «Ich habe als Datatypistin bei einer Bank gearbeitet, hab dort englische Kunden betreut und später alte Menschen in einem Altersheim gepflegt.»

Allerdings setzt sich die ungelernte Pflegerin immer öfter ans Klavier, spielt und improvisiert für die alten Leute. «Es gibt nichts im Leben was schlecht ist, wenn man es gerne tut», sagt Galina Vracheva. Eigentlich genau wie bei der Improvisation: Auch hier gibt es keine guten und schlechten Noten, kein richtig und falsch. Im Gegenteil: Es sind lauter Angebote, die es möglichst schnell und kreativ aufzunehmen und umzusetzen gilt.

Das Publikum macht mit

Aus der Improvisation hat sie mittlerweile eine Kunstform gemacht. Sei es, dass sie in Klavierkonzerten ihre Kadenzen improvisiert und im Moment des Orchester-Eingangs ganz ohne Konzept einfach nur darauf wartet, was sich in ihr regt und was sie zu Klang machen kann. Oder aber sie bittet ihr Publikum in den Klavier-Rezitals, ihr ein Thema zu geben, eine Melodie zu singen oder ein Gedicht vorzulesen.

Dabei erlebt sie immer wieder Momente von grosser Überraschung, aber auch von Nähe und Emotion. Wie zum Beispiel in China, als eine Frau, anfänglich noch etwas eingeschüchtert, zu ihr nach vorne auf die Bühne kommt und ein Lied zu singen beginnt, worauf sich nach den ersten Takten der ganze Saal erhebt und mitsingt.

Auf die Frage, warum sie denn so sicher sei, dass sie auch immer einen Einfall hat, lacht sie nur. «Jeder hat sein Glück», sagt Galina Vracheva. «Meins sitzt auf einer Wolke über meinem Kopf. Es ist scheu und vornehm, aber es hat Charakter und lässt sich nicht einschüchtern. Ich liebe es, mit ihm zu telefonieren. Im Konzert kommunizieren wir per Skype.»

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