Die Poesie gab Ian Curtis den Halt, den er im Leben nicht fand

Zwei Jahre und zwei Alben brauchte die britische Band Joy Division, um legendär zu werden. Stilbildend und wirksam ist ihre Musik bis heute, ihr Hit «Love Will Tear Us Apart» ein Klassiker der Popmusik. Nun hat die Witwe von Ian Curtis ein Buch mit Notizen und Songtexten des Sängers veröffentlicht.

Ian Curtis hält ein Mikrofon. Sein Mund ist offen.

Bildlegende: Ian Curtis erhängte sich im Alter von 23 Jahren. Er hatte ein chaotisches Leben hinter sich. Getty Images

Der Song wird veröffentlicht, als die Band vor ihrer ersten USA-Tournee steht. Er wird kaum beachtet, kommt nicht an die Spitze der Charts. Für Ian Curtis, den Sänger, ist da Schluss. Mit 23 erhängt er sich in der Küche seines Hauses im nordenglischen Macclesfield bei Manchester. Dann, wo eigentlich schon alles vorbei ist, geht es richtig los: «Love will tear us apart», der Song von Joy Division, wird ein Klassiker der Popmusik des 20. Jahrhunderts.

Es geht um Betrug, Scham und Verzweiflung, um Kontrolle und Kontrollverlust, um Kälte und um Sehnsucht. Die sehr tiefe Stimme eines sehr jungen Mannes über dem melodieführenden Bass, metallischer Gitarre und treibendem Schlagzeug. Text und Melodie. Das reicht. Noch 20 Jahre später wird das Stück vom Musikmagazin «NME» zur besten Single aller Zeiten gekürt. Unzählige Cover Versionen gibt es – von Nick Cave und Björk, The Cure und Depeche Mode. Das sind mehr als ein paar Sekunden Unsterblichkeit in der Industrie des Pop.

Hysterien des Punk

Es geht um Deborah in diesem Song, seine Frau und Jugendliebe, die Curtis mit 19 heiratet, und um seine Geliebte, Annik Honoré, eine belgische Journalistin. Immer wieder trifft er sie bei Konzerten der Band. Es ist dieser Betrug, der ins Chaos führt, bei einem, der die Ordnung so dringend benötigt.

Ian Curtis ist Epileptiker. Er bringt die Krankheit mit in die Beziehungen und auf die Bühne. Hier kommen die Krämpfe immer häufiger und ähneln dabei nur von weitem den gespielten Hysterien des Punk. «She's lost control» – «Kontrollverlust» ist ein Schlüsseltext. Er handelt vom tödlichen epileptischen Anfall einer Mitarbeiterin im Sozialamt von Manchester und nimmt doch seine eigene Fallsucht vorweg. Auch Curtis arbeitet dort, bevor er die letzten Jahre nur noch Musik macht.

Im England der späten 70er-Jahre regiert Margaret Thatcher. Zu Niedergang und Trostlosigkeit der nordenglischen Industriereviere treten nun Verachtung und der kleinliche Hass von oben, dazu die tiefe Ablehnung gegen alles, was nicht den Kaufmanns-Idealen dieser Tory-Regierung entspricht.

Thatcher spricht die Rede kalter Ignoranz, die sich zuerst als Drohung inszeniert und dann ihre Honigspur um den Globus zieht. Die Rebellion antwortet darauf. In England auf der Strasse und in der Musik. Nur ein historisches Blinzeln zwar, aber immerhin.

Süchtig nach Literatur

Annik Honoré sprach erst Jahrzehnte später über ihre Beziehung mit Ian Curtis. Die Songtexte und Notizen zu Joy Division werden jetzt von Deborah Curtis herausgegeben. In fast kostbarer Aufmachung erzählen sie von einem haltlosen und zugleich inspirierenden Charakter. Textzeilen auf ausgerissenen Notizzetteln, Briefe, Fotos und Buchcover zeigen einen Fan der Poesie, süchtig nach Literatur. Er nimmt sich, was er brauchen kann und macht etwas Neues daraus. «Haus der Puppen» ist so ein düsteres Zitat und der Name «Joy Division» ebenfalls.

Die kurze Geschichte

Der niederländische Star-Fotograf Anton Corbijn erzählt die kurze Geschichte der Band in seinem Spielfilm-Debüt «Control». Ikonische Bilder in grobkörnigem Schwarz-Weiss. Sie zeigen Ian Curtis in einer öden urbanen Landschaft am Beginn seiner Karriere. Den britischen Zeitungen ist sein Suizid im Mai 1980 kaum ein paar Zeilen wert.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 1.4.2015, 17:40 Uhr

Buchhinweis

«So This is Permanence – Joy Divison Songtexte und Notizen», Rowohlt, 2015.