Die Prohibition – ein Brandbeschleuniger für den Jazz

Vor achtzig Jahren wurde in den USA die Prohibition aufgehoben. In den 14 Jahren, in denen der 18. Zusatzartikel zur US-Verfassung in Kraft war, erlebte nicht nur die Unterwelt einen Aufschwung: Auch der Jazz blühte auf.

Schwarzewissbild: Männer kippen den Inhalt eines grossen Fasses in einen Abfluss.

Bildlegende: Polizisten der New Yorker Polizei überwachen die Vernichtung von Alkohol während der Prohibition. Reuters

Als es so weit war, am 5. Dezember 1933, und in den USA die Prohibition wieder aufgehoben wurde, war es sozusagen zu spät: Der Jazz hatte bereits um sich gegriffen und war nicht mehr zu stoppen. Dem Geist sei Dank, müsste man da fast sagen. Nur: Wie konnte das passieren, wie konnte die Zeit des Alkoholverbots zum Brandbeschleuniger für den Jazz werden?

Schwarzweissfoto: Ein Laster mit Fässern wird entladen, viele Schaulustige stehen daneben.

Bildlegende: Es gibt wieder Bier: New York nach der Aufhebung der Prohibition. Keystone

Als 1920 das 18. Amendment, ein Zusatzartikel zur Verfassung, in Kraft trat und die Saloons verboten wurden, ging es nicht lange, und die so genannten «Speakeasies» schossen wie Pilze aus dem Boden.

Natürlich im Verborgenen, versteht sich, eben: Man musste «speak easy», leise sprechen, wenigstens in den Anfängen der Prohibition. In diesen oft privaten oder halb-privaten illegalen Bars, damit der Lärm nicht auf die Strasse drang und etwa Prohibitionsbeamte anlockte.

Eine Riesenchance für den Jazz

Natürlich ging es nicht lange, und die verschiedenen Speakeasies konkurrenzierten einander. Zusätzliche Attraktionen waren gefragt, und der sowieso schon etwas anrüchige schwarze Jazz war dazu wie geschaffen. Mit anderen Worten: Es gab plötzlich haufenweise Arbeit für eine lokale Jazz-Szene – in den Speakeasies, den Flüsterkneipen.

«Das waren illegale Veranstaltungsorte, die zeichneten sich nicht durch Engagements der berühmtesten Figuren dieser neuen Musik aus, sondern beschäftigten die lokalen Musiker, die gerade am schnellsten greifbar waren und vor allem wenig kosteten», sagt der Jazzpublizist Peter Rüedi. Und verfügbar und günstig waren vorwiegend schwarze Musiker.

Eine Riesenchance für den schwarzen Jazz also, und ein zwar harter, aber stetig expandierender Arbeitsmarkt. Gary Giddins spricht in Ken Burns' Film «Prohibition» von Tausenden von Speakeasies, die nach Inkrafttreten der Prohibition entstanden.

Kreativer Druck – und die Krücke Alkohol

Mehr Arbeit und ein Überdenken der bislang rigiden Moralvorstellungen – das waren also zwei wichtige Ergebnisse der Prohibition. Und dass der illegale Alkohol die Jazzmusiker beflügelte, das versteht sich von selbst. Alkohol erleichtert das Beginnen ebenso wie das Abschliessen eines Werks und ist damit ein ebenso gefährliches wie willkommenes Hilfsmittel für den Jazz-Musiker, der in den 20er-Jahren unterhalten und dabei improvisieren muss.

Jazz als Komposition in Echtzeit – das bedeutet gerade auch in der fiebernden Zeit der Roarin' Twenties einen grossen kreativen Druck. Und zusätzlich Dampf im Kessel machte in der Zeit der Prohibition auch das Arbeiten in der Illegalität. Wobei von den Machtkämpfen der rivalisierenden Gangstergruppen, die die Speakeasies mit dem illegalen Alkohol belieferten, mehr Gefahr ausging als von den Prohibitionsbeamten.

Illegalität ist chic

Immerhin weiss man von Al Capone, dass er die Auseinandersetzungen immer mehr aus den von ihm kontrollierten illegalen Bars und Kneipen in Chicago und Cicero herauszuhalten versuchte – schliesslich sollten die Leute diesen Orten ja nicht fernbleiben aus Angst vor Gangsterkriegen, sondern im Gegenteil sich wohlfühlen und konsumieren. Trotzdem war das ein weiterer Effekt der Prohibition und schlussendlich mit ausschlaggebend dafür, dass das «noble experiment» der Prohibition 1933 wieder aufgehoben wurde: Die Halbwelt wurde immer sichtbarer im Alltag, Illegalität wurde chic.

Fallende Schranken

Und so wurde dann also am 5.12.1933 mit dem 21. Amendment das 18. Amendment die Prohibition wieder aufgehoben. Amerika atmete auf, und hatte sich in nur einem Jahrzehnt radikal verändert.

Nicht nur der Jazz hatte einen Boom erlebt, der noch jahrzehntelang nachhallte. Einen ebenso bedeutenden Fortschritt machte auch die Annäherung von weissen und schwarzen Amerikanern. Und die Emanzipation der Frauen: 1920 wurde, nur kurz nach der Prohibition, mit dem 19. Amendment in den USA auch das Frauenstimmrecht eingeführt. Und die Flappers, die selbstbestimmten, freien und frechen jungen Frauen der Roarin' Twenties, brachten einen ganz neuen Akzent in die Geschlechterdiskussion der USA.