Diese Musikerin kann Töne sehen

Wie sieht Vogelgesang aus? Welche Farbe hat Dienstag? Für Johanna Weckesser sind das keine unsinnigen Fragen. Die Berliner Musikerin sieht Klänge und Gefühle, aber auch Wochentage in Farben und Formen. Manchmal ist die bunte Bilderflut aber auch ein Fluch.

Nahaufnahme von Johanna Weckesser

Bildlegende: Wenn sie Cembalomusik hört, sieht sie matte Glaskügelchen: die Berliner Musikerin Johanna Weckesser. Liz Kosack

Johanna Weckesser lebt in einer bunten Welt. Buchstaben haben Farben für Sie, Wochentage auch. Damit aber nicht genug: Auch Geräusche und Gefühle aktivieren bei der jungen Berlinerin Bilder. Und Formen, Linien zum Beispiel, die sich durch den Raum bewegen. «Wenn ich Cembalo höre, dann sehe ich matte Glaskügelchen – ein ähnliches Bild habe ich auch, wenn ich frische Pfefferminze rieche.»

Oder der Geschmack einer Zitrone: Das sind sehr feine gerade Linien, die beim Zurückgehen eine abgerundete Spitze haben. Ein Bild, das ähnlich auch durch das Zwitschern von Spatzen hervorgerufen wird. «Bei den Spatzen leuchtet es noch ein bisschen mehr. Fast silbern.»

Die Bilder sind mehr als Fantasie

Wenn Sinneseindrücke nicht nur in den herkömmlichen Zentren im Gehirn verarbeitet werden, also Töne zum Beispiel nicht nur im Hör-, sondern auch im Sehzentrum, dann nennt man das Synästhesie. Johanna Weckesser ist Synästhetikerin seit sie denken kann.

In ihrer Kindheit war das ganz normal für sie. Dass sie sich schon damals Termine besonders gut merken konnte, weil sie sich farblich mit den Wochentagen verknüpften, fand sie nicht weiter bemerkenswert. Sie sei ein stilles Kind gewesen. Über ihre Synästhesie gesprochen habe sie erst mit 17.

In diesem Alter musste sie in der Schule für eine Projektarbeit eine Geschichte schreiben, eine Geschichte zu den Assoziationen, die ein Musikstück auslöst. Damals nahm Johanna Weckesser zum ersten Mal bewusst wahr, dass sie beim Musikhören abstrakte Bilder sieht, die mit ihrer Fantasie nichts zu tun haben. Und sie begriff vor allem zum ersten Mal, dass andere Menschen keineswegs immer auch zusätzlich etwas sehen, wenn sie Musik hören.

Jeder Akkord hat eine Farbe

Seit diesem Aha-Erlebnis vor gut zehn Jahren ist die Synästhesie bei Johanna Weckesser immer stärker geworden. Möglicherweise auch deshalb, weil sie sich immer mehr darauf achtete – und weil ihr die Synästhesie beim Gitarrenstudium am JIB, am Jazz Institute in Berlin, entgegenkam.

Gehörbildung zum Beispiel war nie ein Problem, weil sie zusätzlich zum Klang immer auch ein Bild hatte und so einen doppelten Boden. Jedes Intervall, jeder Akkord hat seine ganz speziellen Farben.

Synästhesie kann auch nervig sein

An die grosse Glocke hängt Johanna Weckesser ihre vielseitige Begabung dennoch nicht. Auf ihrer Homepage findet sich nirgendwo ein Hinweis darauf, obwohl sich das in jedem Pressetext gut machen würde. Aber Johanna Weckesser muss nicht ihre Synästhesie in den Vordergrund stellen, um wahrgenommen zu werden – auch so hat sie der berühmte Gitarrist Kurt Rosenwinkel unter seine Fittiche genommen. Ihn hat Johanna Weckesser offenbar so beeindruckt, dass er sie vor einem Jahr im Jazz Club A-Trane in Berlin einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt hat.

Zum andern ist es auch so, dass das Leben mit Synästhesie zwar meistens bereichernd ist, manchmal aber auch einfach nervig oder sogar störend sein kann. So wie ein tropfender Wasserhahn Menschen ohne Synästhesie je nach dem fast zum Wahnsinn treibt, weil sich das Geräusch nicht ausblenden lässt, kann auch Johanna Weckesser ihre synästhetischen Empfindungen nicht ausschalten. Sie kann sie höchstens auszublenden versuchen. Und so schön ein grosses, buntes Bild ist, das beim Musikmachen entsteht, so irritierend kann es sein, wenn die unangenehme Stimme eines Gegenübers schwarz und körnig im Weg steht.

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