Ein Klassiker der Moderne: Zum Tod von Henri Dutilleux

Mit komplexen und doch zugänglichen Kompositionen wurde er berühmt und ging dabei einen anderen, ganz eigenen Weg. Im biblischen Alter von 97 Jahren ist der französische Komponist Henri Dutilleux in Paris gestorben.

Herni Dutilleux in schwarz-weisser Umrisszeichnung.

Bildlegende: Ausschnitt aus dem Plattencover «Kammermusik Youthful Pages». zvg

Der Klang war seine Heimat, und die ungeheure, im allerbesten Sinn naive und raffinierte Freude an der Klangfarbe seine Leidenschaft. Bis auf den grossen alten Klangmagier Hector Berlioz geht die Tradition zurück, in der sich Dutilleux gesehen hat. Dann natürlich auch auf Ravel und Debussy. Aber Henri Dutilleux ging einen anderen, ganz eigenen Weg. Ganz unspektakulär und ganz konsequent.

Zwischen Klassizismus und Avantgarde

Beim Radio fängt er an, dann, im Krieg, wird er Chorleiter an der Pariser Oper, schliesslich Professor am Konservatorium. Die Moden der Zeit macht er nie mit und die Tonalität gibt er nie auf: Sie ist ihm viel zu kostbar, als dass man sie aufs Spiel setzen könnte. Gut organisiert allerdings muss sie schon sein, die Musik, und neu muss sie sein, ganz anders als alles bisher Dagewesene.

Zwischen dem grossen Theoretiker und Systematiker Olivier Messiaen und dem Bilderstürmer und jungen Wilden Pierre Boulez steht Dutilleux – der eine acht Jahre älter, der andere neun Jahre jünger – und was er komponiert, ist eine Musik, die den Spagat schafft zwischen Klassizismus und Avantgarde. Klang als endlos vervielfältigter Augenblick.