Ein Mondlied erhellt ein wichtiges Stück chinesischer Geschichte

Weil der Mond im Herbst besonders voll und hell scheint, huldigt ihm in China ein Fest. Zum Mondfest kommt die Familie zusammen, isst Mondkuchen und zündet Laternen an. Und überall läuft das Lied «Dàn yuàn rén zháng jiǔ» von Teresa Teng. Dahinter steckt ein Stück chinesische Zeitgeschichte.

Eine Laterne, die wie ein Mond aussieht.

Bildlegende: Die Chinesen widmen dem Mond ein jährliches Fest. Denn er verbindet Familien, die die Geschichte getrennt hat. Reuters

Menschen haben Kummer und Freude, Trennung und Zusammenkunft,
Der Mond hat dunkle und klare, volle und halbe Zeiten,
solche Dinge waren schon immer kompliziert.
Aber ich hoffe, wir beide werden ein langes Leben haben,
auch wenn uns tausend Meilen trennen,
können wir doch die Schönheit des Mondes zusammen geniessen.

Um Freundschaft und Einsamkeit geht es im Gedicht «Dàn yuàn rén zháng jiǔ» des chinesischen Dichters Su Shi aus dem 12. Jahrhundert. In der Nacht des Mondfestes betrachtet der Protagonist den Vollmond und denkt an seinen Freund Ziyou in der Ferne.

«Das Gedicht ist ein Klassiker: Seit Jahrhunderten wird es bei jedem Mondfest rezitiert – und auch vertont. Doch die wenigsten Melodien sind bis heute überliefert, denn oft wurden sie nur im privaten Kontext gesungen», sagt Qi Zhu Ammann, Leiterin vom Konfuziusinstitut der Universität Basel. Erst im Jahr 1983 wird der Text fest mit einer Melodie verknüpft: Der Komponist Liang Hongzhi und die Sängerin Teresa Teng machen aus dem uralten Gedicht eine schmalzige Popballade.

Bewahrung der Kultur aus dem Exil

Hinter dem Erfolg des Liedes stecken die Wirren der chinesischen Geschichte: Sowohl der Komponist, als auch die Sängerin von «Dàn yuàn rén zháng jiǔ» sind in Taiwan geboren. Ihre Eltern sind chinesische Militärs der Kuomintang-Regierung. Nachdem diese den chinesischen Bürgerkrieg 1949 verloren hat und die Kommunisten die Volksrepublik China ausrufen, müssen die Eltern nach Taiwan fliehen – wie auch zwei Millionen andere Chinesinnen und Chinesen.

In Taiwan können sie die chinesische Kultur bewahren und an ihre Kinder weitergeben. Wichtig wird das in den 1960er-Jahren, als die Kulturrevolution alle Kultur verbannt, die nicht der maoistischen Parteilinie entspricht. Während also in Festlandchina erbauende Propagandalieder über die Helden und die Revolution gesungen werden, beginnen in Taiwan ein Musikmarkt und eine eigenständige Popkultur mit westlichen Einflüssen zu blühen.

Hunger nach gefühlvoller Musik

Nach dem Ende der Kulturrevolution 1976 schwappt diese Popkultur langsam nach China über. Wie ein Schwamm saugen die Chinesinnen und Chinesen gefühlsbetonte Balladen über Liebe und Freundschaft und süsslich-melancholische Stimmen wie die von Teresa Teng auf – genau diese Musik hatten sie die letzten 20 Jahre vermisst.

Doch trotz der ideologischen Öffnung Chinas werden Lieder wie «Ich hoffe, wir werden ein langes Leben haben» als «dekadent» gebrandmarkt, sagt Qi Zhu Ammann: «Sie müssen auf Kassetten ins Land geschmuggelt werden.» Zum Hit wurde Teresa Tengs Popballade trotzdem.

Kulturtransfer zwischen Taiwan und China

Das Lied «Ich hoffe, wir werden ein langes Leben haben» steht also beispielhaft für einen wichtigen Kulturtransfer zwischen Taiwan und China: In den 80er-Jahren stillt die chinesische Seconda Teresa Teng von Taiwan aus den Hunger der Chinesen nach gefühlvoller Popmusik. Aber nicht nur das: Das alte Gedicht von Su Shi im neuen Pop-Kleid schlägt auch in Taiwan ein. Dort stillt es das Heimweh ausgewanderter Chinesinnen und Chinesen, die Familie und Freunde auf dem Festland vermissen.

Bis heute ist «Dàn yuàn rén zháng jiǔ» besonders am Mondfest beliebt, ein melancholisches Mitherbstfest, an dem man an die Freunde in der Ferne denkt, sagt Qi Zhu Ammann: «Man hofft, dass eine Verbindung mit den Freunden in der Ferne entsteht, wenn man gleichzeitig hoch zum Mond schaut.» Teresa Tengs Popballade ist der perfekte Soundtrack dazu.

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