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Musik Ein Mythos wird entblättert: Sibelius im Gegenlicht

Jean Sibelius gilt als finnischer Nationalkomponist. Er ist aber auch umstritten, weil er sich die Huldigung des sogenannt Dritten Reiches gefallen liess. Zeit für eine Gegendarstellung im Jahr seines 150. Geburtstags.

Jean Sibelius, wie er gedankenverloren aus dem Fenster blickt.
Legende: Wegweisend für die Vielfalt an musikalischen Neuerungen des 20. Jahrhunderts: Jean Sibelius, in einer Aufnahme von 1949. Getty Images

Jean Sibelius sorgt bis in die jüngste Gegenwart für Kontroversen. Der finnische Musikwissenschaftler Tomi Mäkelä wartet mit einer neuen Darstellung des Komponisten auf. Ihm geht es darum, das Bild von Sibelius zu entzaubern. Über die musikalische Analyse hinaus soll Sibelius' Rolle im Nationalsozialismus untersucht werden. Nun regt sich Widerspruch in der Sibelius-Gemeinde Finnlands.

Mäkelä verrate den Komponisten und mit ihm den verdienstvollen Forscher Erik Tawaststjerna. In den USA hingegen wird versucht, den als nationalkonservativ bezeichneten Komponisten als Nazi darzustellen.

Liebäugeln mit konservativem Gedankengut

Was liegt vor? Jean Sibelius’ Muttersprache war schwedisch. Finnisch, damals die Sprache der Bauern und Bediensteten, lernte er neben Deutsch, Französisch und elementarem Russisch in der Schule.

Bis heute ist umstritten, ob Sibelius wirklich zweisprachig war, obwohl er in eine konservative finnische Adelsfamilie einheiratete und mit dem nationalkonservativen Gedankengut seines Bekanntenkreises liebäugelte.

Vom Dritten Reich gehuldigt

1917, als Lenin zum Jahresende die Unabhängigkeit Finnlands anerkannte, habe er «elitär royalistisch» gedacht und nicht liberal-demokratisch. 1932 komponierte er für die rechtsradiakle Lapua-Bewegung einen «langweiligen» Marsch, präzisiert Tomi Mäkelä.

«Sibelius war sicher kein Nazi», er sei jedoch ein strikter Anti-Kommunist gewesen und habe sich die Huldigungen durch das sogenannte Dritte Reich gerne gefallen lassen, sagt Erkki Kohonen, Direktor der Sibelius Hometown Foundation.

Silberne Büste auf Stein.
Legende: In Finnland wird Sibelius verehrt, andernorts gehen die Meinungen über Musik und Person auseinander. Imago/Brockes

Ein zerpflückter Magier …

So kürte man den Komponisten 1935 mit der silbernen Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft und rief 1942 die erste deutsche Sibelius-Gesellschaft ins Leben. Das stiess den nazikritischen Kreisen auf. 1937 hatte sich erstmals der Philosoph und Musiktheoretiker Theodor W. Adorno mit der folgenreichen «Fussnote» zu Wort gemeldet und die ökonomisierte Begeisterung für den «Magier» aus Finnland zerpflückt.

Sibelius schwieg. «Das war ein grosser Fehler», sagt Mäkelä, «ihm lag es daran, allen zu gefallen.» Gefälligkeitsmusik hingegen hatte der auch von den USA und England hofierte Komponist keine komponiert. Eine Kriegssinfonie wie sie etwa sein Freund und Frontsoldat Einar Englund 1946 schrieb, blieb aus. Über sein Schweigen als Komponist wird spekuliert.

… aber durchaus geschätzt

Einem Journalisten nannte er im Rückblick psychische Gründe, hervorgerufen durch «Zerstörung und Massenmord». In über 20 Jahren, sagte Sibelius, habe er nichts geschaffen, «was ich mit ruhigem Herzen der Öffentlichkeit hätte übergeben können.»

Sibelius’ Musik, insbesondere seine sieben Sinfonien, werden über Finnland hinaus vor allem in den angelsächsischen Ländern geschätzt. Hierzulande hält man sich zurück. Die Gründe sind hegemonialer Natur: Da streiten sich Anhänger unterschiedlicher Schulen um die Definition der modernen Musik.

Wegweisend für vielfältige Neuerungen

Die Anhänger des Komponisten Arnold Schönbergs erklärten Sibelius’ Verfahren als unmodern. Sein Festhalten an tonalen Bezügen und an der gross besetzten Form der Sinfonie machte ihn verdächtig. Dabei ging vergessen, dass seine Verfahren wegweisend waren für eine Moderne dritter Art.

Die Synthese von Statik und Dynamik, der Umgang mit der Zeit und ihrer Aufhebung sowie die aus Keimzellen entwickelten repetitiven Verfahren sind wegweisend für die Vielfalt an Neuerungen in der Musik des 20. Jahrhunderts.

Die US-amerikanische Minimal Music eines Steve Reich, aber auch die ziselierte Polyphonie eines György Ligeti sind in Sibelius’ progressiven Werken angelegt. Dass er daneben trivialisierte Gebrauchsmusik schrieb, hat seinen Ruf beschädigt. Es sei höchste Zeit, sagt Tomi Mäkelä, sich mit unverstelltem Blick den Licht- und Schattenseiten des Komponisten zu stellen.

Jean Sibelius

Schwarzweiss-Foto von Jean Sibelius
Legende: Wikimedia

Jean Sibelius wurde am 8. Dezember 1865 in Finnland in eine schwedischsprachige Familie geboren. Er studierte in Helsinki, Berlin und Wien.
Sibelius ist einer der wenigen finnischen Komponisten, die international bekannt sind. Er starb 1957.

Buchhinweise

Tomi Mäkelä: «Jean Sibelius und seine Zeit.» Laaber, 2013.

Tomi Mäkelä: «Poesie in der Luft. Jean Sibelius. Studien zu Leben und Werk.» Breitkopf und Härtel, 2007.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Lukas Fierz, Bern
    Sibelius ist ist wegen seiner Rolle für die Befreiung Finnlands ein Nationalheld. Als klar wurde, dass es in Deutschland schief ging war Sibelius siebzig Jahre alt, als Komponist kaum mehr produktiv und durch Alkoholabusus geschädigt. Es ist für Nachgeborene billig, ihm jetzt vorzuwerfen, dass er sich nicht deutlicher distanzierte. Ich habe als Gehirnspezialist übrigens den Eindruck, dass er in diesem Zeitpunkt schon ein wenig dement war. Das tut seiner Bedeutung als Komponist keinen Abbruch.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    2. Teil: - 4. Wer wurde in der Epoche von 1933 bis 1945 schon nicht geehrt? Für die Gründung der Sibelius-Gesellschaft im Jahr 1942 konnte Sibelius nichts. Wie so viele andere Personen der Künstlerszene - so auch die norwegische Sängerin Kirsten Flagstad - zog auch er es vor, in der schwersten Zeit des Landes im Land selber zu bleiben. - . 5. Sibelius war genauso wie Mannerheim zwar konservativ - aber war das ein Verbrechen? - 6. Es ist leicht, 70 bis 80 Jahre später zu stänkern.
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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Erstaunlich, dass Tomi Mäkelä, der sich als Musikwissenschaftler bezeichnet, verschiedene Fakten nicht kennt. - 1. Sibelius war wie Marschall Mannerheim wirklich zweisprachig, allerdings war Finnisch für beide die Zweitsprache. - 2. Die Machtübernahme der Kommunisten 1917/18 im Süden, die zu einem halbjährigen Bürgerkrieg führte, war auch für viele Künstler ein Schock. - 3. Sibelius' "Schweigen" erklärt sich auch mit einer schöpferischen Pause und Umorientierung im hohen Alter.
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    1. Antwort von SRF Kultur
      Wie Sie im Artikel lesen können, sind gewisse Aspekte in Sibelius‘ Biographie in der Tat umstritten. Wir können Ihnen aber versichern, dass Tomi Mäkelä ein ausgewiesener Sibelius-Forscher ist.
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