Ein norwegischer «Paganini» und sein geplatzter Traum

Ole Bull war Geiger und Patriot. Und mehr noch: Er baute eigene Geigen und wanderte irgendwann nach Amerika aus. In Pennsylvania gründete er vor 150 Jahren eine norwegische Kolonie. Doch die Geschichte ging schief.

Innenaufnahme von Bulls Wohnraum mit Flagge

Bildlegende: Ole Bulls privater Konzertsaal. Benjamin Herzog

In einer Vitrine in Ole Bulls Villa auf Lysoen liegt neben einer kostbaren «Guarneri del Gesù» von 1734 eine selbst gebaute Geige. Die «Bull-Geige». Der Mann hat Konkurrenz nicht gefürchtet. Und die Geige ist nicht sein einziges Projekt, das er von A bis Z selbst geschnitzt hat.

Ole Bull, auch genannt «Paganini des Nordens», wurde 1810 im norwegischen Bergen geboren. Ein paar Kilometer von seiner Geburtsstadt entfernt, auf der Insel Lysoen, liess er sich als gestandener Mann eine Villa bauen. Ein paar Jahre nachdem er sich als Staatengründer versucht hatte.

Frauen fielen in Ohnmacht – reihenweise

Aussenaufnahme von Bulls Haus, das ans Taji-Mahal erinnert.

Bildlegende: Ole Bulls Wohnhaus, eine Art norwegisches Taj Mahal. Benjamin Herzog

Bergen, Treffpunkt Ole Bull-Platz. Journalisten, Kritiker, eine Handvoll Festspielgäste versammeln sich. Es geht hinunter zum Hafen. Und dort in ein Schnellboot zur Insel Lysoen. Zur Villa von Ole Bull.

Die Kulturverantwortliche des Aussenministeriums ist auch mit an Bord. Hält eine Rede. Und erzählt danach auf dem Oberdeck, wie dieser Ole Bull weit mehr als nur Geige gespielt habe, so schön, dass die Frauen ohnmächtig wurden. Sondern auch, wie er das erste Theater Norwegens bauen liess. Ein Theater, in dem nur norwegische Stücke aufgeführt werden durften und mit Henrik Ibsen als Hausdramaturg. Nicht schlecht, denke ich. 

«Ausserdem hat Bull in Pennsylvania einen idealen Staat gegründet», erzählt sie weiter. Das Haar der Kulturverantwortlichen flattert im Wind. «Hat aber nicht lange funktioniert, denn der Boden war schlecht.» Etwas über hundert Norweger und einige Amerikaner sind dem Ruf des Mannes, der nicht nur Geige spielen wollte, gefolgt. Ole Bulls idealer Staat sollte ein ideales Norwegen werden. Ideal, denke ich auf unserer Fahrt durch die Fjorde, ist dieses Norwegen hier doch schon. 

Lachs, Lachs und zur Abwechslung mal Lachs

Der Fjord unterteilt das Festland in kleine hügelige Inseln. Auf jeder Insel zarte Fichten, dazwischen schnucklige Holzhäuschen. Rot, weiss, blau die Farben. Und in die davor vertäuten Segelboote steigen die Bewohner morgens, um damit einmal um ihre Insel zu schippern und anschliessend einen Lachs zu essen, der hier aus der Aquafarm frisch gefischt auf den Markt kommt. So stelle ich mir das vor.

Nun, Aquafarmen gab es 1852 so wenig wie es Norwegen überhaupt gab. Das heisst, es gab den Staat Norwegen, aber in einer Zwangshochzeit mit Schweden. Und das war der Grund für den Patrioten Ole Bull, in Amerika ein neues Norwegen zu schaffen. In Pennsylvania, weil es dort keine Sklaverei gab. Das erzählt uns in Ole Bulls Villa auf Lysoen eine Frau in Jeans, weissem Männerhemd und mit amerikanischem Akzent. Sie kennt ihren Bull. Seit Jahren führt sie Gäste durch die nach Holz und Bienenwachs duftende Villa.

Ein Konzertsaal gebaut von 30 Zimmerleuten

Innenaufnahme von Bull Konzertsaal, ganz aus Holz und geschnitzt vom Boden bis zur Decke.

Bildlegende: Das Lebenswerk von 30 Schreinern und Zimmerleuten: Ole Bulls Konzertsaal. Benjamin Herzog

Die Villa ist Ole Bulls architektonisches Vermächtnis. Das hellblau angemalte Haus ist eine Mischung aus Taj Mahal und Holzhütte. Von aussen gemütlich norwegisch.

Innen leicht grössenwahnsinnig. Wer hat schon in seiner Privatvilla einen solchen Konzertsaal. Mit Schnitzereien vom Boden bis zur Decke verziert. Ein Tempel der Musik mit Davidssternen, indischen Sonnensymbolen, daneben skandinavische Flecht- und Blumenmuster. Eine Orgie der Schnitzkunst. Über 30 Schreiner haben die Villa Bull geschnitzt, geschreinert, gezimmert. Der Löwenteil der Arbeit steckt in diesem Saal.

Eine dumme Geschichte

Bulls Architekturtraum auf Lysoen hat überlebt. 1973 schenkte seine Enkelin den Hütten-Palast ihres Grossvaters dem norwegischen Staat. Was nicht überlebt hat, ist Bulls Zweit-Norwegen in Pennsylvania. Obwohl die Kolonie sogar zwei richtige Städte aufweisen sollte: New-Bergen und Oleana. Dummerweise stellte sich heraus, dass der Verkäufer des Lands an Bull gar nicht dessen Besitzer war. Bull musste nachzahlen, was ihn fast in den Ruin trieb. Ausserdem erwies sich der Boden als wenig fruchtbar. Die Kolonie entvölkerte sich. 

Bull brach das Experiment 1857 nach fünf Jahren ab. Er kehrte zurück nach Norwegen und baute sich die Villa auf Lysoen. Soweit der Vortrag der Bull-Expertin. Die Kulturverantwortliche nickt wissend. Wir notieren uns die Fakten. Danach gibt es ein Konzert. Auf der traditionellen Hardangerfiedel, auf der Bull’schen Guarneri. Auf dem Harmonium, worauf Bulls amerikanische Gattin bei dessen Tod 1880 das «Requiem» von Mozart gespielt haben soll. Nur die Bull-Geige bleibt in ihrer Vitrine. Dafür kommt ein Bull-Bogen zum Einsatz. Drei Zentimeter länger als ein herkömmlicher Geigenbogen. 

Stars and Stripes and Ole

In einer Ecke des Konzertsaals ist eine Flagge aufgehängt. Eingestickt auf dem Mittelbalken: «To Ole Bull from New York Philharmonic Society». Die Farben Rot, Weiss, Blau sind die Farben Norwegens und der USA.

Die Flagge eine Kombination der beiden Landeswappen. Wenn es schon mit dem neuen Ideal-Staat nicht geklappt hat, so hat Ole Bulls ideales Norwegen wenigstens auf der US-Flagge seinen Platz gefunden.