Ein Roboter erobert die Oper

Der Roboter Myon spielt die Hauptrolle in einem Stück der Komischen Oper Berlin. Künstler und Wissenschaftler haben zwei Jahre lang mit ihm geprobt, die Maschine tritt als Dirigent, Sänger und Tänzer in Erscheinung. Trotz der langen Übungszeit gerät der Roboter noch ab und zu ins Stocken.

Ein Roboter auf einer Opernbühne. Im Hintergrund sind Menschen in weissen Gewändern.

Bildlegende: Er ist noch etwas unbeholfen, schlägt sich aber wacker auf der Bühne: der Roboter Myon. Iko Freese

Etwas unbeholfen und teilweise hölzern bewegt sich Myon, der kleine Roboter, auf der Bühne der Komischen Oper in Berlin. Er schwenkt seine Arme im Takt, dirigiert das Orchester, singt oder tanzt. Myon ist mit Künstlicher Intelligenz ausgerüstet. Er kann also erlernte Dinge in zukünftigen Situationen anwenden. Myon ist sogar in der Lage, Gefühle und Empathie bei Menschen zu erkennen.

Diese Fähigkeiten haben Künstlerinnen und Musiker dem Roboter während den vergangenen zwei Jahren beigebracht. Eine von ihnen ist Mezzo-Sopranistin Katarina Morfa. Sie hat mit Myon Rhythmus, Bewegung und Gesang geprobt und geübt. «Wir haben ihm leise, aber auch ganz schrille oder grosse Operntöne vorgesungen», sagt Morfa. «Für uns ist er wie ein Kind, wir machen uns sogar Sorgen, wenn er einen kurzen Ausfall hat.»

Der Roboter Myon umgeben von Kinder im Roboterkostüm.

Bildlegende: Nach über zwei Jahren Training steht Myon jetzt auf der Bühne. Iko Freese

Künstlerkollektiv Gob Squad

Inszeniert wird die Roboter-Oper «My Square Lady» vom deutsch-britischen Performance-Kollektiv Gob Squad. «Das Stück thematisiert den Platz von Robotern in unserer Gesellschaft», sagt Simon Will, eines der Gründungsmitglieder von Gob Squad. «Es geht um Fragen von Geschlecht, Sexualität oder was es heisst, Mensch zu sein.» Gerade weil Roboter immer mehr in unseren Alltag drängten, müssten wir uns Fragen zu unserer Beziehung zu Maschinen stellen, so Will. «Technologie beherrscht unser tägliches Leben mittlerweile sehr intensiv.»

Fehler machen ist okay

Während der Proben kommt Myon immer wieder ins Stocken. Er ist langsam oder reagiert falsch. Der humanoide Roboter ist noch nicht ganz in der Lage, einen menschlichen Dirigenten überzeugend zu ersetzen. Fehler und Aussetzer gehörten jedoch dazu, wenn man mit Robotern arbeite, sagt Sarah Thom, ebenfalls Gob Squad-Mitglied. Sie hofft sogar, dass nicht alles reibungslos abläuft. «Spontane Fehler machen die Inszenierung erst zum richtigen Schauspiel.»

Er, sie oder es?

Gob Squad interessierten vor allem Fragen zu Geschlecht und Sexualität, sagt Sarah Thom. Für ihr Kollektiv sei Myon anfangs weiblich gewesen, Robotiker und Wissenschaftler hingegen hielten Myon für ein männliches Wesen. «Schlussendlich haben wir uns im Gespräch darauf geeinigt, Myon geschlechtsneutral als Ding zu bezeichnen.» Diese Auflösung von Geschlechtern passe sehr gut in die Post-Gender-Gesellschaft, in der wir zurzeit leben, so Thom.

Myon, das tolpatschige Kind

Myons «Vater» ist Manfred Hild. Er ist Robotiker an der Beuth Hochschule für Technik Berlin. «Geschlechtlich haben wir uns bewusst an einem Kind orientiert, also noch vor der Pubertät, wenn sich eindeutige körperliche Merkmale zum Geschlecht herausbilden.» Mit seinem Gewicht von 16 Kilo und 1,25 Metern Grösse, «sieht Myon tatsächlich etwas kindlich und tolpatschig aus», gibt Hild zu.

Die Inszenierung an der Komischen Oper sei für ihn und sein Team ideal, um die Forschung an Künstlicher Intelligenz einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Wir müssten uns jetzt mit Fragen der Künstlichen Intelligenz und deren Auswirkungen auf unseren Alltag befassen, so Hild.

Auch unser generelles Verhältnis und der Umgang mit Robotern müsse überdenkt werden. «Ich bin überzeugt, dass Roboter in Zukunft noch viel intelligenter werden.» Da stelle sich auch die Frage, ob es legitim sei, in Zukunft einen intelligenten und fühlenden Roboter einfach auszuschalten.

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