Leningrad-Sänger Schnurow Ein Russe verwandelt Ohnmacht in Musik

Sergej Schnurow ist der Kopf der Band Leningrad: In den Nullerjahren spielte er im Untergrund – heute ist er massentauglich.

Sergej Schnurow

Bildlegende: Stappelt Kraftausdrücke wie Matrjoschka-Puppen: Lenigrad-Sänger Schnurow. Imago/Russian Look

Es waren wilde Zeiten im Russland nach der Jahrtausendwende. Die Band Leningrad aus St. Petersburg lieferte den Soundtrack dazu. In den schummrigen Konzertlokalen wurde getanzt und getrunken, als ob es kein Morgen gäbe.

Lead-Sänger Sergej Schnurow zelebrierte diese Entgrenzung nicht nur mit seiner opulenten Musik. Auch seine Texte waren jenseits von dem, was man in Russland je gehört hatte. Derbe Kraftausdrücke schachtelten sich ineinander wie Matrjoschka-Puppen.

Das besoffene Alter Ego

Schnurow hatte sich für die Bühne ein Alter Ego geschaffen: ein ständig betrunkener, grober Kerl, der durch die Ruinen des Sowjetimperiums stolpert.

Im Song «Geburtstag» aus dem Jahr 2000 heisst es denn auch: «Gestern war das Wetter schön. Der neue Präsident», gemeint ist Wladimir Putin, «hat gerne Sambo. Ich aber werde meinen Geburtstag nicht feiern. Mich kotzt alles an.»

Gitarrist spielt vor Publikum.

Bildlegende: Heute ist Schnurow erfolgreich genug, andere für sich singen zu lassen: Manchmal engagiert er eine Solo-Sängerin. Reuters

Ordnung herrscht, Musik wird seicht

Heute ist Russland ein anderes Land. Putin hat den autoritären Staat wieder installiert. Es herrscht Ordnung, eine zuweilen erdrückende Ordnung. Auch Leningrad hat sich gewandelt, die Band tönt heute anders.

Sergej Schnurow singt längst nicht mehr alle Lieder selber. Er hat eine Solo-Sängerin engagiert. Der Sound ist poppiger geworden, die Texte seichter. Im Song «Siski», zu Deutsch: «Titten», geht es um eine junge Frau, die ihren Freund verliert, weil sie zu kleine Brüste hat.

Das Video von «Siski» ist ein Grosserfolg: Auf Youtube wurde es fast 40 Millionen mal angeklickt. Die Band Leningrad ist definitiv in der Massenkultur angekommen. Der rechtsnationale Vize-Premierminister Dmitri Rogosin schlug sogar vor, Sergej Schnurow an den Eurovision Songcontest zu schicken.

Russlands Liberale aber sind schockiert. Wie kann man, fragen sie, in einem autoritären Staat über Brüste singen?

«Es ist cool, in der Scheisse zu leben.»

Der Musik-Kritiker Artjomi Troizki nennt Schnurow den «wichtigsten Narkotiseur» Russlands. Er lackiere die russische Wirklichkeit gleichsam und stabilisiere damit die Macht des Kreml. Ganz nach dem Motto, so Troizki: «Ja, das Leben in Russland ist Scheisse. Aber es ist cool, in dieser Scheisse zu leben.»

Schnurow interessiert sich nicht für Politik. Vielmehr versteht er das Leben und die Kunst als ästhetische Spielerei. Er bringt ein Gefühl zum Ausdruck, das viele Russen haben. Ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Wirklichkeit. Der Einzelne kann in Russland nichts bewirken, da will man wenigstens Spass haben.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 10. März 2017, 12 Uhr.

Russland: mehr als Wodka

Russland: mehr als Wodka