Endo Anaconda - gealtert, aber nicht milde

Der Has ist berüchtigt für die Haken, die er schlägt. Du erwartest ihn in Rammelstellung in den Büschen entlang der schönen grünen Aare, dabei spuckt er gerade den braven Bürgern in die Suppe, die bloss ihr Znüni nehmen wollen.

Konzertfoto Endo Anaconda

Bildlegende: Alterswild statt altersmild - der alte Mann und die Aare: Endo. Keystone

Wie haben wir den bösen, schrötigen Endo Anaconda für seine wilden Galoppaden geliebt, grasgrün vor Neid, weil er doch nie altersmilde werden wollte, stets der unberechenbare wilde Has. Und nun das:

«Ach Gott, wär het Erbarme / mit üs alte Partisane / Wirf es Schiit i d’Gluet, wenn i chume / Und wenn i gange, zünd e Cherze a» («Böses Alter»)

Anaconda beschwört das böse Alter, indem er sich virtuos im Floskelregister bedient. Und Schifer Schafers Gitarre, navigierend zwischen Edelriffs und Schrullen, hält ihn verlässlich auf Kurs. Und doch klingt es verflixt nach Altersklage, nach – wenn auch ironisch gebrochenem – Selbstporträt des gesundheitlich angeschlagenen Spätfünfzigers.

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Endo Anaconda über die Songs von «Böses Alter»

0:41 min, vom 28.3.2013

«Ein Lamento ist es vielleicht, aber kein hoffnungsloses. Man kann ja auch Kraft aus dem Raisonnieren schöpfen. Besser gut raisonniert, als schlecht gejubelt», grinst Anaconda, angesprochen auf die düstere Stimmung der CD. Die neuen Songs zeichnen beklemmende Skizzen einer eisigeren, einsameren Altersphase, lassen jedoch keine Zweifel aufkommen an seinen Trotz gegen den Lauf der Zeit. «Das Thema ist natürlich vielschichtiger. Unsere ganze Zivilisation steckt in einem bösen Alter.»

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Endo Anaconda über das echt böse Alter

1:10 min, vom 28.3.2013

«Hänsel u Gretel lige dampfend i dr Pfanne / di chlyni Meerjungfrou isch e verdorbne Dorsch / u ds Goldeseli schysst Defizit / u ds Häppy Änd isch es Unglück / u d Wiehnacht wird abgseit / dr Joseph het alles gschtande / aber i gloube immer no a Märli / Tralali / Tralala» («Märli»)

Beissend und brilliant, wie der desillusionierte Berner Sarkastiker naive Idylliker verspottet. Keine Frage, Anaconda und seine Truppe wirken in diesem kalten Frühjahr 2013 alles andere als altersmüde. Eine derart solide handgemachte, schnörkellose CD kann sich nur erlauben, wer sein Potential noch im Schlaf auszuschöpfen weiss. Auch wenn sich der Has da und dort ein überraschendes Fischen im Tümpel der Banalitäten erlaubt (wie die «Silberfäden» im immer noch wilden Haar der einstigen Geliebten Elisabeth): Poetisch sind diese Lieder echt starker Tobak:

«Flüg mit mir / all inclusive / zu de letschte Primitive / dert sy si blutt u häppy / u nid so depressiv wie hie / stärbe glücklech a üsne Vire / bruuche ke Viagra / die gö jede Tag go jage / die hei jede Tag ä Stiife / rouke Gras ir Fridenspfiife» («Chlyni Wält»)

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Endo Anaconda über Sex, Drugs und Rock n`Roll

0:37 min, vom 28.3.2013

Meisterhaft bürstet Anaconda unsere liebgewonnenen Klischees so lange gegen den Strich, bis sie – wie der arme Joseph im «Märli» – alles über uns gestehen. Und gerade weil wir das Körnchen Wahrheit im gar nicht so stillen Sarkasmus des Hasen gut kennen: Ein bisschen ernst nehmen sollten wir das bissige Alters-Lamento des Anaconda dann doch. Das mit dem echt wilden Hasen haben wir ihm ja in seinen wüsten Rock’n’Roll-Jahren auch abgenommen. Fast schon Ehrensache.

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Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Endo Anaconda beschwört das böse Alter

    Aus Kulturplatz vom 27.3.2013

    Wie eine vorzeitige Altersklage klingt das neue Album «Böses Alter», mit dem der sarkastisch-poetische Frontmann von Stiller Has sein Publikum herausfordert. Düster und witzig beschwört Anaconda - brilliant assistiert von seinen Musikern - die Schattenseiten, die Leiden und Ängste des alternden, ehemals wilden Rammlers, als der er sich schon immer doppelsinnig stilisierte.

    Markus Wicker

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