Enrico Pieranunzi beamt barocke Klassiker ins Jetzt

Der Römer Pianist Enrico Pieranunzi ist einem breiten Publikum weitgehend unbekannt. Dabei ist er als Jazzpianist ohne Zweifel eine europäische Legende. Als Klassik-Interpret ist er zumindest eine Wundertüte. Und als einer der ganz wenigen spielt er sowohl Jazz als auch Klassik auf höchstem Niveau.

Mann mit weissem Hemd und Brille spielt konzentriert und etwas gekrümmt Klavier.

Bildlegende: Enrico Pieranunzi ist stark orientiert an Bill Evans, adaptiert dessen Stil aber auf seine ganz eigene Art. flickr / Turisme Subirats

Es hat nichts mit seinem Habitus als zerstreuter Professor zu tun, dass Enrico Pieranunzi auf zwei Hochzeiten tanzt. Der Pianist ist in Jazz und Klassik gleichermassen zu Hause. Das ist schon fast in seinen Genen angelegt. Als Sohn eines Jazzgitarristen kam er früh mit dem Klavier in Berührung. Zunächst einmal lernte er ganz klassisch das Handwerk auf den 88 schwarzen und weissen Tasten. Dieses Wissen gab er schon ab dem Jahr 1973 als Lehrer am Konservatorium von Frosinone bei Rom weiter.

Fast schon gefährliche Nähe zu Bill Evans

Kommt dazu, dass Pieranunzis musikalischer Hausgott ebenfalls für diesen Tanz auf zwei Hochzeiten bekannt war: Der amerikanische Pianist Bill Evans spielte Ravel und Debussy. Und nahm seine legendären «Conversations With Myself» auf dem Flügel auf, den auch Glenn Gould für seine Bach-Einspielungen verwendete. Die beiden, Evans und Gould, hatten übrigens den grössten Respekt voreinander.

Enrico Pieranunzi vertiefte sich in Geschichten wie diese, schrieb sogar ein Buch über Bill Evans. Und vor allem setzte er sich als Musiker eingehend mit Evans' musikalischem Konzept auseinander. Das ging so weit, dass Pieranunzi zu Beginn seiner Karriere fast gefährlich nahe an Evans' Stil geriet; und sich auch willentlich wieder davon lösen musste, um nicht einfach als Epigone in die Jazzgeschichte einzugehen.

Die Improvisation fällt erst bei genauem Hinhören auf

Der Römer Pianist besann sich auf sein europäisches Erbe. Er nahm unter anderem das gemeinsame Geburtsjahr 1685 von Johann Sebastian Bach, Domenico Scarlatti und Georg Friedrich Händel zum Anlass, Werke von allen drei Komponisten im Original einzuspielen – jedenfalls teilweise.

Wer nicht genau aufpasst, merkt manchmal kaum, dass sich Pieranunzi improvisierend vom Notentext entfernt. Mit Leichtigkeit beamt er die drei barocken Meister ins 21. Jahrhundert. Und wenn er mit einer Improvisation beginnt, bewegt er sich zielstrebig auf Präludien, Sonaten und Suitensätze zu. Damit zeigt er, dass die Improvisation im Barock eine grosse Rolle spielte.

Darf man das?

Enrico Pieranunzi beantwortet so auch die Frage, ob ein solcher Umgang mit dem «Alten Testament» der klassischen Klavierliteratur überhaupt legitim ist. Die alten Meister hätten sich möglicherweise köstlich amüsiert über ihren improvisierenden Wahlverwandten aus dem 21. Jahrhundert.

Der Professor aus Frosinone findet aber auch bei Komponisten der klassischen Moderne Material, das ihm als Improvisationsgrundlage dient. Etwa bei Bohuslav Martinu. In der Musik des Tschechen, der seine letzten Lebensjahre in der Schweiz verbrachte, spielte der Jazz durchaus auch eine Rolle.

CD-Tipps

  • Enrico Pieranunzi: «Autour de Martinu – Live At The Bird’s Eye». TCB 33702, Koproduktion mit SRF 2 Kultur.
  • Enrico Pieranunzi: «1685 – Enrico Pieranunzi Plays J.S.Bach, G.F.Haendel, D.Scarlatti». CAM Jazz 7837.

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