Es wird wieder laut und (natürlich) schrill um David Bowie

Wie aus dem Nichts tauchte im Januar David Bowies neues Album «The Next Day» auf – nach zehn Jahren absoluter Stille. Jetzt macht der grosse Musiker und Theatraliker auch durch eine grosse Retrospektive im Londoner «Victoria And Albert Museum» von sich reden.

Ausstellungsfoto

Bildlegende: David Bowie, der Mann mit den vielen Eigenschaften, ist jetzt auch Museumsstück. Reuters

Kaum jemand hat noch mit ihm gerechnet: David Bowie, das grossartige Pop-Chamäleon. Zehn Jahre lang war er abgetaucht. Genoss das Familienleben mit seiner Frau Iman und seiner Tochter. Gross war die Überraschung, als er am Morgen seines 66. Geburtstages sein erstes musikalisches Lebenszeichen seit zehn Jahren in die Welt sandte.

Bowie zieht die Fäden

Noch unglaublicher, der Mann hatte zwei Jahre an neuem Material gearbeitet, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfuhr. Seine Musiker mussten schweigen, die Plattenfirma war bis einige Wochen vor der Veröffentlichung ahnungslos. «Eine reife Leistung», sagt der britische Musikpublizist Paul Trynka, der die Bowie-Biografie «Starman» geschrieben hat.

Bowie geadelt vom Museum

Wer das ganze Universum des David Bowie erleben will, hat derzeit im Londoner «Victoria And Albert Museum» eine erstklassige Möglichkeit. Zu bestaunen sind Originalstücke aus Bowies Archiv. Die unzähligen schrillen Kostüme, die er auf der Bühne trug, Skizzen, die zeigen, wie genau er sich seine Figuren vorgestellt hatte aber auch grosse Videowände mit Liveaufnahmen, die noch heute faszinieren.

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Nur weniges bleibt dabei ausgespart, so die wichtigen äusseren Einflüsse auf die Figur des Ziggy aus dem Album «Ziggy Stardust»: Darunter Bowies damalige Frau Angie, oder der schwule Theatermime Lindsay Kemp, dem Bowie viel seiner Bühnenmagie verdankte.

Neonschriftzug «David Bowie is CROSSING THE BORDER»

Bildlegende: Grenzüberschreitung als Normalzustand: Kaum jemand wechselte so oft den Stil und die Genres wie Bowie. Reuters

Bowie, der Transformierer

Ein Lehrstück wie aus David Jones, dem mittelmässigen Songschreiber und Sänger, David Bowie wurde, der dem Hippie-Rock der siebziger Jahre etwas völlig neues entgegensetzte. «Ziggy Stardust» schlug 1972 ein wie eine Bombe. Das alienartige Wesen mit dem androgynen Auftritt irritierte und war gleichzeitig Vorbild für viele junge Schwule, wie Boy George, die sich von da an nicht mehr als «weirdos» fühlen mussten.

Ob Bowie selber damals schwul, hetero- oder bisexuell war, spielt eigentlich gar keine Rolle. Er spielte mit den Mutmassungen, bezeichnete sich in einem Interview als «seit jeher schwul». «Eine äusserst riskante Strategie damals», sagt Paul Trynka, waren solche Aussagen höchstens in der Kunstwelt gängig, aber nicht im Musikmainstream.

Bowie, der Charmeur

Seine Anziehungskraft war seit jeher gross, bei Frauen und Männern, dazu trug auch bei, dass seine blauen Augen unterschiedlich farbig wirkten. Eine Tatsache, die er einer Schlägerei mit seinem Jugendfreund George Underwood verdankte. Bowie soll sich später für den dadurch noch «mystischeren Look» bedankt haben.

Ausstellungsbild David Bowie

Bildlegende: Bowie, der «Material Boy». Keystone

Bowie, der schöpferische Plagiator

Er war immer ein Schwamm, der alles um sich aufsog und in neuer Form wieder ausspuckte. Was heute überall als Plagiat verpönt ist, beherrschte er damals schon meisterhaft. Die Künstler des deutschen Expressionismus faszinierten ihn, genauso wie Fritz Langs «Metropolis» oder die Kultstars Andy Warhol, William S. Burroughs und Lou Reed.

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Seinen Rocksound paarte er mit amerikanischem Soul und Funk oder später in seinen Berliner Jahren mit experimentellen Synthesizerklängen. Dabei entstand auch der Überhit «Heroes». Diese Jahre zwischen 1977 und 1980 bezeichnet er noch heute als seine glücklichste Zeit. Eine Art Wiedergeburt nach Jahren intensivem Kokainkonsums und damit einhergehenden paranoiden Zuständen.

Bowie als Familienmensch

In den achtziger Jahren wurde Bowie mit «Let's Dance» endgültig zum gefeirten Weltstar. Später versuchte er etwas zu gewollt den Zeitgeist des Techno aufzunehmen. Noch anfangs des neuen Jahrtausends produzierte er regelmässig neue Alben, bis ihn 2004 ein Herzinfarkt auf der Tour zum Rückzug zwang. Nun stand auf einmal das Familienleben mit seiner Frau Iman und ihrer kleinen gemeinsamen Tochter an erster Stelle. Die «definitiven» Biografien wurden mit jedem Jahr des Wegbleibens von der Musikszene zahlreicher. Auch Paul Trynka wird sein «Starman» um mindestens ein Kapitel ergänzen müssen.

Bowie, das nächste Kapitel

«I never did anything out of the blue», sang Bowie schon 1980 in «Ashes To Ashes». Er macht nichts einfach so, hinter allem steckt eine genaue Vorstellung, weil er sich intensiv mit dem, was ihn interessiert, auseinandersetzt. Und genau weiss, wie er es haben will.

Und nun: Keine Interviews zum neuen Album, «The Next Day», keine Tour. Obwohl darüber natürlich schon heiss spekuliert wird, nachdem sich seine Frau Iman in einem Interview «verplapperte». Aber vielleicht ist auch das Teil der Strategie.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • David Bowie, das Pop-Chamäleon, ist wieder da

    Aus Kulturplatz vom 27.3.2013

    An seinem 66. Geburtstag überrascht der Duke of Pop mit neuem Sound. Kein Alterswerk legt der Brite vor, sondern zeigt sich dicht und ungestüm wie zu seinen besten Zeiten. David Bowie war seiner Zeit stets voraus, wechselte seine äussere Erscheinung und den musikalischen Stil, sobald er darauf festgenagelt wurde. Das Londoner Victoria and Albert Museum ehrt ihn nun mit einer heiss erwarteten Ausstellung - bestückt mit Kostümen aus seinem privaten Fundus.

    Richard Herold

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