Frauen haben bei Spitzenpositionen im Orchester das Nachsehen

Die Zahlen sprechen für sich: Zwei Dirigentinnen wurden in der Saison 2014 von grossen Schweizer Orchestern eingeladen. Im Vergleich zum Männeranteil waren das 1.6 Prozent. Männer dominieren deutlich. Ein höherer Frauenanteil sei zwar ein grosses Anliegen, aber offenbar ist es nicht gross genug.

Frau mit Taktstock vor Orchester

Bildlegende: Xian Zhang dirigiert ein Konzert zu Ehren des vierten Jahrestags des Pontifikats von Papst Benedict XVI im Vatikan. Reuters

Wenn man die neuen Saisonprogramme der Schweizer Orchester, Ensembles und Opernhäuser durchblättert, dann fällt eines sofort auf: Solistinnen gibt es viele, auch Orchestermusikerinnen tauchen einige auf.

Ein Drittel im Orchester sind Frauen

So haben etwa in der Schweiz und in Deutschland Frauen im Durchschnitt gut ein Drittel der Orchesterstellen inne, in den USA sogar fast die Hälfte der Stellen.

Aber: Nach Dirigentinnen und Komponistinnen sucht man in den Programmen nach wie vor fast vergeblich.

Dabei gibt es sie – das Publikum bekommt sie einfach kaum zu hören. Die Begründungen von Veranstalter- und Agenturseite ähneln sich.

Ein höherer Frauenanteil ist zwar ein grosses Anliegen, man will mehr Dirigentinnen und Komponistinnen engagieren, aber: Es gibt erst wenig Frauen, die die gewünschte Qualität bieten können.

Kein Chefdirigentinnenposten für Frauen?

Michael Haefliger, Intendant des Lucerne Festival findet sogar, es wäre jetzt noch «zu früh», dass eine Frau den Chefdirigentinnen-Posten bei den Berliner oder Wiener Philharmonikern oder auch beim Lucerne Festival Orchestra erhält.

Ein Schlag ins Gesicht für die Frauen, die seit Jahrzehnten eine erfolgreiche Dirigierkarriere verfolgen.

Bekommt Beruf und Familie unter einen Hut

Die US-Amerikanerin Marin Alsop beispielsweise machte unter anderem bereits 1989 am Leopold Stokowsky-Wettbewerb auf sich aufmerksam. Die heute 59-Jährige leitet seit vielen Jahren eines der grossen US-Orchester, das Baltimore Symphony Orchestra.

Sie war auch die erste Frau, welche die renommierte «Last Night of the Proms» in London dirigierte – im Jahr 2013. Ausserdem hat Alsop hat neben ihrem Beruf auch Familie.

Frau mit Taktstock vor Orchester.

Bildlegende: Marin Alsop war die erste Frau, die die renommierte «Last Night of the Proms» 2013 in London dirigierte. Reuters

Ein Schlag für erfolgreiche Dirigentinnen

Noch «zu früh», ein Schlag auch ins Gesicht von all den anderen erfolgreichen Dirigentinnen: Simone Young, Susanna Mälkki, Anu Tali, Graziella Contratto, Xian Zhang – erreichen sie wirklich alle nicht die Dirigier-Qualität eines Riccardo Chailly, Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko oder Diego Matheuz?

Schritte in die richtige Richtung

Immerhin tut sich momentan wieder etwas. Das Lucerne Festival stellt diesen Sommer unter anderem an einem sogenannten «Erlebnistag» einige Dirigentinnen vor und lässt viele Werke von Komponistinnen (unserer und vergangener Zeit) spielen.

Gemäss Intendant Michael Haefliger will man auch in Zukunft mehr Dirigentinnen verpflichten – hoffentlich auch vermehrt bei den grossen Sinfoniekonzerten.

Tonhalle Zürich will Frauen fördern

Aus der Tonhalle Zürich tönt es ähnlich: Ilona Schmiel ist dort seit 2014 als Intendantin im Amt und hat für die nächste Saison zwei der etwa 20 grossen Gastdirigate an Frauen vergeben. Der niedrige Anteil sei auch bedingt durch lange Vorlaufzeiten, hält Schmiel fest.

Sie möchte Frauen in musikalischen Spitzenpositionen zwar dezidiert fördern, sagt sie, aber es gäbe noch nicht genügend zum Profil des Orchesters passende Dirigentinnen, um die Hälfte der Gastdirigate zu besetzen.

Nachwuchs ist da

Zuversichtlich stimmen die Hochschulzahlen: Allgemein sind heute in den Musikdepartementen Frauen und Männer mindestens ausgeglichen.

An deutschen Musikhochschulen gab es 2014 rund 41 Prozent Frauen im Fach Dirigieren, das ist ein doppelt so hoher Anteil wie noch vor 20 Jahren. Im Fach Komposition waren es 32 Prozent Frauen. In der Schweiz allerdings waren die entsprechenden Zahlen kleiner.

Frauenanteil in Schweizer Orchestern


Tonhalle-Orchester ZürichBerner SymphonieorchesterOrchestre de la Suisse RomandeKammerorchester Basel*
Stichprobe, Stand 2013
35%35%35%46%
Stichprobe, Stand 201636.11%38.14%37.96%47.06%

(Recherche: SRF)

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