Gabriel Roth: der stille Held von Musikredaktor Roman Hosek

Musikredaktor Roman Hosek ist ein grosser Bewunderer von Gabriel Roth. Der amerikanische Musikproduzent, Songwriter, Bandleader, Labelbetreiber, Arrangeur und Tontechniker ist für ihn der Beweis, dass man im Musikgeschäft nicht dem Mainstream folgen muss, um erfolgreich zu sein.

Gabriel Roth spielt Gitarre.

Bildlegende: Ein Mann, der meist im Hintergrund steht: Gabriel Roth. Getty Images

Meiner Meinung nach bekommen Frontsänger und Bandleader oft zu viele Lorbeeren für ein gutes Album. Die Menschen, die sonst noch mitarbeiten, sind meist zweitrangig. Obwohl diese stillen Helden manchmal die Musik entscheidend mitprägen.

Gabriel Roth ist so ein stiller Held. Ein unscheinbarer Typ, meist im Hawaiihemd, der wegen einer Augenkrankheit immer eine Sonnenbrille trägt. Das Musikbusiness war eigentlich gar nicht sein Ziel, ursprünglich wollte er Mathematiklehrer werden.

Die Entdeckung

Das erste Mal ist mir Gabriel Roths Name begegnet, als ich in einem Tontechniker-Forum im Internet rumgestöbert habe. Ich habe selber ein bescheidenes Aufnahmestudio und wollte wissen, wie man mit wenigen Mikrophonen – ich besitze nicht viele – ein Schlagzeug aufnehmen kann. Und dann fand ich einen Artikel von Gabriel Roth.

Darin beschreibt er, wie er das Schlagzeug in Amy Winehouses Hitsingle «Rehab» mit einem einzigen (!) Mikrophon aufgenommen hat. Heutzutage wird ein Schlagzeug mit ungefähr zehn Mikrophonen aufgenommen und danach aufwändig zusammengemischt. Das ist richtig frech, dachte ich. Ich hörte mir darauf «Rehab» gleich an und war erschlagen, wie voll und natürlich das Schlagzeug dort klingt.

Musik darf nicht perfekt sein

Gabriel Roth schafft es, seinen Aufnahmen Charakter und Emotionalität zu verpassen. Weil sie nicht perfekt sind. So ist er beispielsweise ein vehementer Gegner des Metronoms. Seiner Meinung nach muss das Tempo leicht schwanken, denn Schlagzeuger sind keine Maschinen.

Aber auch die Art und Weise, wie er eine Aufnahme abmischt, ist nicht lehrbuchmässig. Die Lautstärkenverhältnisse sind oft unausgewogen. Das bringt aber eine Menschlichkeit in seine Produktionen, die mich berührt. Denn ein Mensch spielt und hört nicht perfekt. Warum sollte es ihm also auf einem Album vorgegaukelt werden? Das schafft meiner Meinung nach nur Distanz.

Roth beklagt sich nicht, er steckt Leidenschaft hinein

Ich finde es schade, dass so viele Musikschaffende jammern, dass das Plattengeschäft eingehe. Denn es geht doch darum, eine Lösung zu finden. Gabriel Roth hat 2001 mit einem Partner das Label Daptone Records gegründet. Ein unabhängiges Label aus Brooklyn, das sich auf Soul, Funk und Afrobeat spezialisiert hat. Daptone Records ist sehr erfolgreich, obwohl viele andere Labels eingehen. Woran liegt das, was macht Gabriel Roth anders?

Erst mal steckt er sehr viel Leidenschaft hinein. Leidenschaft, die man bei den Major Labels überhaupt nicht mehr spürt. Da wird nur noch über Verkaufszahlen nachgedacht und wo man das nächste Popsternchen herholt. Dann ist Gabriel Roths Label so etwas wie ein Familienbetrieb, der nur kleine Kreise zieht. Wenig Angestellte, enge Geschäftsbeziehungen, enger Kontakt zur Fangemeinde und eine Do-it-yourself-Mentalität.

Und Gabriel Roth spart dort, wo andere Labels das meiste Geld liegen lassen: bei der Promotion. Die Bands, welche bei Daptone Records unter Vertrag sind, sind auch hervorragende Liveacts. Und das ist immer noch die beste Werbung.

Eine Inspirationsquelle

Leute wie Gabriel Roth sind für mich der Beweis, dass man im Musikgeschäft nicht den Mainstream-Weg einschlagen muss und trotzdem erfolgreich sein kann. Und es gibt mir auch Hoffnung für meine eigene Musikkarriere. Meine Band funktioniert ohne Label und wir machen alles selbst: Songwriting, Produktion, Promotion und Booking.
Es gibt heutzutage im Musikgeschäft kein Erfolgsrezept mehr. Darum: Finde dein eigenes Rezept.

Zum Interview

Zum Interview

Roman Hosek ist nicht nur Jazz-Gitarrist, sondern auch Musikredaktor bei SRF 2 Kultur. Im Interview erzählt er, wie er mit seiner Musikauswahl immer wieder versucht, die Hörer aus der Komfortzone zu locken.