«Gawain» in Salzburg: Der Öko-Apostel und ein König im Rollstuhl

Die Salzburger Festspiele eröffneten ihr diesjähriges Opernprogramm mit einer Neuinszenierung von «Gawain». Eine mächtig laute Oper vom britischen Komponisten Harrison Birtwistle – einer, der mit seiner Musik immer wieder aneckt.

Gawain hält den Kopf des grünen Ritter in der Hand, dieser sitzt kopflos auf dem Pferd.

Bildlegende: Gawain (Christopher Maltman) schlägt in der gleichnamigen Oper dem grünen Ritter den Kopf ab. Keystone

«Last Night of the Proms» – der Abschluss der traditionellen Sommerkonzerte in London, den Millionen von Briten verfolgen. Zu Mahler, Mozart oder Purcell stundenlang die Landesfähnchen schwenken. Lauthals mitsingen und mittröten, wenn das Orchester gegen Ende Edward Elgars «Land of Hope and Glory» spielt.

Diese patriotische Inbrunst verstummt 1995 urplötzlich und schlägt in Entsetzen um. Der Auslöser: «Panic» von Harrison Birtwistle, ein Stück für Saxophon, Drums und Orchester. Warum? Niemand hat diese Klänge erwartet. Diese kompromisslose Energie, diese zornigen musikalischen Schreie, in ihrer ganzen Härte paradoxerweise auch melancholisch, ja lyrisch – die Markenzeichen von Harrison Birtwistle.

Ohren zerfetzende Oper

Der britische Komponist Harrison Birtwistle mit weissem Hemd und oranger Brille.

Bildlegende: Der britische Komponist Harrison Birtwistle sorgt für Aufsehen – auch in Salzburg. Keystone

Schon in den 1960ern sorgt Harrison Birtwistle für Aufsehen. Als er mit Peter Maxwell Davies, Alexander Goehr, John Ogdon und Elgar Howarth die Manchester School gründet. Eine musikalische Bewegung, die mit neuen, harten Klängen die feinsinnige englische Musikästhetik von Ralph Vaughan Williams, Michael Tippett oder Benjamin Britten aufbrechen will.

Einer der ersten Würfe: Die Oper «Punch and Judy» von Birtwistle. Die «Financial Times» feiert sie als «erste moderne englische Oper». Benjamin Britten verreisst sie, indem er den Saal noch während der Aufführung verlässt und sie als «ear-splitting» bezeichnet, als Ohren zerfetzend.

Vom Helden zum Menschen

Ein kleiner Eklat auch 1991 bei der Uraufführung von «Gawain» am Royal Opera House Covent Garden. Die Oper erzählt die Geschichte des mutigen Gawain, der sich auf einen schrägen Pakt mit einem grünen Ritter einlässt: Gawain soll den Herausforderer enthaupten und als Gegenleistung ein Jahr später das gleiche über sich übergehen lassen.

Gawain schlägt ein, köpft den Ritter, der aber auch ohne Kopf weiterlebt. Gawain hält sein Wort, macht sich auf die Reise, die zum Selbstfindungstrip wird. Heldenhaft stellt er sich denn auch der vereinbarten Enthauptung. Aber: Er zeigt Todesangst. Die Mission des grünen Ritters ist erfüllt: Gawain sieht ein, dass er kein Held ist, sondern nur ein Mensch.

Gawain – weg von der Insel

Über 20 Jahre hat es gedauert, bis die Oper die Mauern von Covent Garden zum ersten Mal verlässt. Das Ziel: die Felsenreitschule der Salzburger Festspiele – als Notlösung. Denn eigentlich hätte eine neue Oper von György Kurtág den Sommer eröffnen sollen. Sie wurde aber nicht rechtzeitig fertig.

Das vermeintliche Erfolgsrezept beim Notnagel «Gawain»: never change a winning team. Wie beim letztjährigen Überraschungserfolg «Die Soldaten» von Bernd Alois Zimmermann übernehmen Ingo Metzmacher die musikalische Leitung und der Lette Alvis Hermanis Regie sowie Bühne. Nur dieses Mal weit weniger erfolgreich.

Joseph Beuys auf der Opernbühne

Gawain vor einem Riesenporträt des Künstlers Joseph Beuys.

Bildlegende: In der Salzburger Neuinszenierung ist Gawain das Ebenbild von Joseph Beuys. Keystone

Alvis Hermanis versetzt das Ritterepos in eine futuristische Zeit nach einer grossen Naturkatastrophe. König Artus sitzt im Rollstuhl, seine Ritter sind menschenfressende Wracks, von ritterlichem Heldentum keine Spur mehr. Dafür mit einem moralistischen Öko-Apostel: Gawain als Ebenbild von Joseph Beuys, dem Aktionskünstler, der in den 60ern und 70ern mit seinen Fett- und Filzinstallationen für Furore sorgte. Doch diese Dimension ist schwer mit dem Libretto zu verknüpfen – zu weit hergeholt, zu sehr mit dem erhobenen grünen Zeigefinger.

Birtwistles Musik ist auch in «Gawain» mächtig und laut, die lyrischen Momente sind rare Kostbarkeiten. Sogleich – absehbar und in regelmässigen Abständen – fallen die Monsterklänge wieder ein, noch mächtiger, noch lauter und münden in monströsen Klangballungen.

Für den Dirigenten Ingo Metzmacher keine leichte Aufgabe – er hält die Balance zwischen den dezenten Streichern, den präsenten Bässen und Bläsern und der ausgeklügelten Perkussion. Das gelingt ihm – keine Frage.

Und auch die Solisten – stark. Ganz besonders Laura Aikin als kommentierende Morgen Le Fey mit schwindelerregenden Melismen. Und trotz angekündigter Erkältung agil und elegant in allen Lagen: Christopher Maltman als Gawain. Trotzdem, alles in allem ist der Salzburger «Gawain» weder Erfolg noch Enttäuschung. Er lässt aber vage erahnen, warum er Covent Garden erst jetzt verlässt.