Geschellt, geklingelt und gejodelt – Silvester in Appenzell

Im Appenzellerland gibt es an Silvester einen speziellen Brauch: In Urnäsch ziehen «Schöne» und «Wüeschte» aufwändig kostümiert von Hof zu Hof. Männer stecken zuweilen in Frauenkostümen und singen im Falsett. Auf einen Rundgang mit den Silvesterchläusen.

Eine kleine Gruppe von Appenzeller Silvesterchläusen steht in ihren Tannenzweigenkostümen vor einem Haus.

Bildlegende: Die «wüeschte» Silvesterchläuse bauen ihr «Groscht» aus Tannenreisig, Moos und anderen Naturmaterialien. Keystone

Eigenwillig sind sie schon, die Appenzeller. Die Männer tragen Ohrringe und rauchen die Pfeife verkehrt herum. Sie haben eine eigene Bahn, zwei (Halb-)Kantone, in Ausserrhoden gar mit zwei Hauptsitzen – und genauso feiern sie auch zweimal Silvester. 

Denn als Ende des 18. Jahrhunderts per Gesetz der gregorianische Kalender eingeführt wird, weigern sich die Urnäscher. Sie feiern fortan weiterhin ihr Silvester gemäss julianischem Kalender am 13. Januar – zusätzlich zum 31. Dezember. So oder so: Es ist der schönste Tag im Jahr.

Radförmige Hauben und imposante Hüte

Eine Gruppe von schönen Silvesterchläusen steht vor einem Hof und jodelt.

Bildlegende: In den aufwändigen Kopfbedeckungen der «Schönen» stecken viele Stunden Handarbeit. Keystone

Wer ein echter Urnäscher ist und zu einem Schuppel (eine kleine Gruppe von Silvesterchläusen) gehört, steigt zu Silvester in sein «Groscht» und verkleidet sich als Mann oder als Frau. Das sind die «Schönen». Auf dem Kopf tragen radförmige Hauben und imposante Hüte, auf denen naturalistische Szenen vom Appenzeller Alltag erzählen: vom Alpenbitter, Flauder und vom Bier zum Beispiel – alles selber gebaut und handgeschnitzt, am Schluss dann noch mit tausenden von Perlen beklebt.

Etwas weniger aufwändig sind die Kostüme der «Wüeschten». Diese Silvesterchläuse ziehen Fell, Moos und Tannenzweige an und kleben Beeren, Tannzapfen und Schneckenhäuser auf ihre Masken.

Behängt mit Rollen und Schellen ziehen die Schuppel an beiden Silvestern in der Früh los, von Hof zu Hof und Haus zu Haus. Vorneweg der «Vorrolli», dann die «Schelli» (immer einer hinter dem anderen), am Schluss der «Noerolli» – das Schlusslicht sozusagen. An einem Hof angekommen stellen sie sich im Kreis auf, hüpfen herum, rütteln und schütteln sich und bringen so ihre Glocken und Schellen zum Tönen. 

Silvesterchlausen ist Männer-Sache

Die kleineren Schellen klingen frei, nach Lust, Laune und Bewegung. Die grossen hingegen sind gestimmt und spielen nach einem festen Rhythmus: die tiefe Schelle auf den Schlag, die höhere dazwischen. Beat und Off-Beat in Urnäsch.

Dann wird es still – und der Vorzaurer stimmt einen Jodel an: Ein Zäuerli. Die anderen Stimmen fallen mit ein, erst derjenige, der in der Kopfstimme obendrüber singt, dann diejenigen, die «gerade halten», und am Schluss noch die beiden Bässe.

Das Silvesterchlausen ist übrigens eine reine Männer-Angelegenheit: Drum stecken auch Männer in den Frauenkostümen, drum nähen und besticken sie ihre Hauben selber – und drum singen die Männer beim Zauren auch im Falsett.

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