Geschwister spielen Hand in Hand: das Klavierduo Labèque

Fast alle sind sie miteinander verheiratet oder verwandt: die Pianistinnen und Pianisten, die sich zum Klavierduo zusammenschliessen. Ein Blick auf ein spezielles Genre – am Beispiel der Schwestern Katia und Marielle Labèque.

Die Pianistinnen Labèque stehen hinter einem Flügel.

Bildlegende: Katia und Marielle Labèque: «Wir verbringen 95 Prozent unserer Zeit zusammen.» Umberto Nicoletti

Ein Blick auf die oberste Liga der Klavierduos fördert Erstaunliches zu Tage: Nur ein einziges Ensemble gibt es derzeit, das aus zwei Pianisten besteht, die weder verschwistert noch verheiratet sind: Andreas Grau und Götz Schumacher.

Seit den Brüdern Aloys und Alfons Kontarsky (geboren 1931, bzw. 1932), den grossen Ahnen der Besetzung Klavierduo, tauchen nur Geschwister oder Ehepaare auf: Aglika Genova und Liuben Dimitrov (verheiratet), Yaara Tal und Andreas Groethuysen (verheiratet), Adrienne Soos und Ivo Haag (verheiratet), die Brüder Hans-Peter und Volker Stenzl, die Schwestern Güher und Süher Pekinel sowie die Schwestern Katia und Marielle Labèque.

Mozart spielen statt um Puppen streiten

Die Geschichte der Labèque-Schwestern ist eine Erfolgsstory, die vor über vierzig Jahren begann, als die genervte Mutter ihren beiden Töchtern Klavierspiel verordnete. Statt ständig um Puppen zu kämpfen, sollten sie lieber Mozart miteinander spielen. Die Mädchen fanden Gefallen daran. Beide gingen ans Konservatorium, gewannen Preise, und bald schon war die Entscheidung gefällt: Sie würden gemeinsam Karriere machen auf einem Gebiet, das sehr speziell ist.

Es gehört wohl eine besonders innige Verbundenheit dazu, um die Konkurrenzsituation am gleichen Instrument nicht als solche zu empfinden – dass man nicht nur annehmen kann, was der andere anders macht, sondern das auch noch als Bereicherung, als produktive Spannung empfindet.

Eine musikalische Verwandtschaft

«Es ist nicht der Geschwisterstatus, der uns zusammenhält», sagt Marielle Labèque, die jüngere der beiden Schwestern. «Es ist die tiefe musikalische Verwandtschaft, obwohl wir total unterschiedlich sind.» Das klingt sehr nach lebhaften Auseinandersetzungen. Und tatsächlich: Aus ihrer Polarität ziehen die Schwestern grossen Gewinn: «Wir diskutieren, wir kämpfen, wir ändern.» Immer aber findet sich ein glückliches Ende. «Das Mikrofon im Studio oder der Konzertsaal beenden jede Diskussion. Dann ist die vollkommene Übereinstimmung plötzlich da.»

Was ist es aber für ein Repertoire, bei dem sich die Schwestern einig sind und das sich die wenigen Ensembles von Weltruf teilen? Es ist so klein nicht. Da wäre zum einen der Bereich der Transkriptionen: Entweder schrieben Komponisten eigens Werke für Klavierduos, oder berühmte Kollegen übertrugen Sinfonien ihrer Kollegen. Zum anderen gibt es das «vierhändige Repertoire» und jenes für zwei Klaviere.

Ein grosses Repertoire

Im intimeren vierhändigen Bereich, wenn also beide Interpreten an einem Instrument sitzen, finden sich wenige Werke von Mozart, sehr viele von Schubert und unendlich viel Stücke aus der Romantik, Miniaturen von Brahms bis Grieg, ausserdem noch einige Stücke aus dem Impressionismus.

Das Repertoire für zwei Klaviere, das optisch weitaus spektakulärer wirkt, beginnt danach. Erst seit der «klassischen Moderne» am Anfang des 20. Jahrhunderts hat beinahe jeder Komponist, der etwas auf sich hielt, zumindest ein Werk für zwei Klaviere geschrieben.

Die Schwestern pflegen Vielfalt

Eine Sepia-Aufnahme der beiden Schwestern Labèque als Kinder.

Bildlegende: Statt ständig um Puppen zu kämpfen, sollten die Schwestern lieber Mozart miteinander spielen, meinte die Mutter. labeque.com

Die meisten Ensembles pflegen das Standardrepertoire des unterhaltsamen Mainstreams zwischen Dvorak und Gershwin. Darüber hinaus gibt es deutliche Unterschiede: Während sich das Duo Tal/Groethuysen auf den vierhändigen Bereich konzentriert und da viel Unbekanntes ausgräbt, sieht sich das Duo Grau/Schumacher ganz in der Tradition der Brüder Kontarsky und pflegt ein breites Repertoire vom Barock bis zur Musik des 21. Jahrhunderts.

Die Vielfalt lieben auch die Schwestern Labèque. «Die beiden sind etwas Besonderes», sagt Pianist Andreas Grau, «da sie in ihren Interpretationen nicht nur Spannendes bieten, sondern mit Strawinsky und Messiaen auch weit über das Standardrepertoire hinausschauen.»

Den Stil so häufig wechseln wie die Kleidung

Die beiden Schwestern sind praktisch überall präsent, auf den internationalen Festivals zwischen Luzern, Tanglewood und Salzburg. Sie sind unterwegs mit renommierten Barockorchestern, Kammermusikpartnern wie Viktoria Mullova, Jazzmusikern wie Chick Corea, und bisweilen tauschen sie auch die modernen Flügel gegen historische Fortepianos oder elektronische Klaviere aus.

«Was wir bevorzugen, ist der stete Wandel. Alles andere wäre die pure Erstarrung. Wir wechseln doch auch jeden Tag die Kleidung», sagen sie und fügen an: «Es braucht den lebendigen Austausch – mit Kammermusikpartnern, mit dem Orchester. Musik gemeinsam zu erleben. Das ist es.»

Rund um die Uhr zusammen

Katia und Marielle Labèque machen zwischen ihrem Privatleben als Schwestern und ihrem öffentlich-professionellen als Musikerinnen keinen Unterschied. Sie geniessen ihr fast symbiotisches Verhältnis: «Musik ist Teil unseres Lebens. Und wir leben miteinander. Neunzig, vielleicht sogar fünfundneunzig Prozent unserer Zeit verbringen wir zusammen.»

Dass sie sich intuitiv verstehen, bedeutet allerdings nicht, dass sie wenig üben müssen – fast scheint es den gegenteiligen Effekt zu haben: «Wir arbeiten wie verrückt.» Um das erreichte Niveau zu halten, gibt es – «und das ist phantastisch» – weiterhin soviel zu verfeinern, dass vor jedem Konzert viele Probestunden nötig sind. «Jeden Tag entwickeln wir, ändern wir». So bleibt das Repertoire frisch.

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