Ginger Baker, der gefährlichste Schlagzeuger der Welt

Beim Spielen schüttelt Ginger Baker entspannt seine rollenden Rhythmen und Breaks aus den Gelenken. Seine vier Extremitäten führen ein völlig eigenes Leben. Mit der Band Cream schrieb er Popgeschichte. Genial ist er auch ohne sie. Nur anlegen sollte man sich nicht mit ihm. Das kann übel enden.

Ginger Baker sitzt am Schlagzeug und spielt. Er trägt ein T-Shirt, auf dem die drei Köpfe der Cream-Mitglieder zu sehen sind.

Bildlegende: Ginger Baker: Unberechenbar als Mensch und als Drummer. Keystone

Die hartnäckige Arbeit mit dem gefährlichsten Drummer der Welt trug Filmer Jay Bulger eine gebrochene Nase ein. Ginger Baker schlug mit dem Spazierstock zu. Grund war eine Meinungsverschiedenheit über die Frage, welche Leute aus dem Leben des Musikers denn nun im Dokumentarfilm «Beware of Mr. Baker» auftauchen sollten.

Über Ginger Baker Witze zu reissen, könnte also die Gesundheit gefährden, falls der rothaarige Schachtelteufel selbst daneben steht. Und der Witz beispielsweise darauf auf anspielt, dass er als Drummer an Wichtigkeit verloren habe seit den gloriosen Tagen der Supergruppe Cream. Seit der Zeit, als Baker zusammen mit Bassist Jack Bruce und Gitarrist Eric Clapton Popgeschichte schrieb.

Ein Witz aus sicherer Entfernung

Glücklicherweise war Baker weit weg in seiner Wahlheimat Südafrika, als ich INXS-Sänger Michael Hutchence 1997 den einzigen Ginger Baker-Witz erzählte, den ich kenne. Hutchence hatte sich eben einen Espresso aus der Maschine unseres mobilen Studios am Open Air Sankt Gallen gewünscht, «straight up, thanks, no sugar, no cream».

Worauf ich ihn fragte, ob er den Unterschied zwischen Kantinenkaffee und Ginger Baker kenne: «They both suck without Cream». Das hätte er erraten müssen, grinste Hutchence. So bekannt ist das Klischee, dass es Baker ohne Cream nicht bringt. Genau wie Fertigkaffee ohne Rahm.

Baker ist Baker – auch ohne Cream

Der Witz hat natürlich einen Haken. Einige Klicks im Web genügen, um das Gegenteil zu beweisen. Nur schon solo entfacht Baker pure Magie. Beispielsweise in einem Video (YouTube), wo er Schlagzeugern die Grundlagen des Instruments demonstriert.

Ein ästhetisches Vergnügen: Da zeigt der Mann, dessen vier Extremitäten scheinbar ein völlig eigenes Leben führen, wie entspannt er seine rollenden Rhythmen und Breaks aus den Gelenken zaubert. In dieser Lektion beweist Baker gleichzeitig, dass er weder Bruce noch Clapton braucht, um den berühmte Cream-Groove zu beschwören.

Er schüttelt das federnde «Ants in the Kitchen» (bei Minute 11.15) aus dem Ärmel und man schüttelt den Kopf über die Leichtigkeit, über die wunderbar sonoren Trommelklänge, über die Raffinesse, mit der er Breaks genau da ansetzt, wo es kaum jemand sonst tun würde. Es ist eine Nummer aus seiner Session mit den «Masters of Reality», die anno 1992 klang, als zitiere er Cream und liefere gleichzeitig die Parodie davon.

Ein Stück Familiengeschichte

Natürlich war da die Ära längst vorbei, als ein zehnminütiges Drum-Solo wie in Creams «Toad» (YouTube) Tausende von langen Mähnen in verzückte Schwingungen brachte.

Baker ist Vorbild geblieben. Ich rede aus Erfahrung. Als mein Sohn mit etwa sieben Jahren grosses Drummertalent zeigte, hörten wir die «Masters of Reality»-CD mit Bakers Schlagzeugarbeit auf der Fahrt in die Ferien. Und zählten zusammen stumm mit, um die Einsätze seiner genialen Breaks – zum Beispiel auf «Drei und» – nicht zu verpassen.

Ginger Bakers Impulse sind also fast zu einem Stück Familienchronik geworden. Wie unberechenbar und persönlich sprunghaft der rothaarige Brite immer war, musste ich meinem Sohn ja nicht auf die Nase binden. Heute, zwölf Jahre später, braucht er von der oben verlinkten Drum-Lektion blind nur ein paar Takte zu hören: «Ist ja klar, das kann nur einer sein».

Mr. Bakers persönliche Helden

Der gefährliche Mr. Baker wird übrigens in Jay Bulgers Film für einen Moment dann doch noch sehr sanft. Ihm kommen die Tränen, wenn er von seinen Helden spricht, die seine Freunde wurden, Phil Seamen, Art Blakey, Max Roach, Elvin Jones. Alles Giganten des Jazz Drums.

Und wirklich: Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet ein Jazzkopf wie er als Säule des Power Rock Trios Cream in die Geschichte einging. Wenn man allerdings seinen famosen organischen Trommelklang ernst nimmt, wird auch klar, dass dies alles ohne eine Jazz-Seele nicht möglich gewesen wäre. Kein Witz, jetzt.

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