Gitarren hinter Gittern – ein Wundermittel?

Es könnte doch ganz einfach sein: Man verteilt Gitarren an die schweren Jungs im Gefängnis. Wenn sie spielen, bringen sie andere zum Zuhören und Applaudieren und erhalten Anerkennung – was sie in ihrer Resozialisierung stärkt. Es scheint tatsächlich zu funktionieren.

Blick auf zwei Hände, die Gitarre spielen

Bildlegende: Gitarrensound für neuen Lebenssinn: Musik machen soll Gefängnisinsassen helfen. iStock

Ist ja eigentlich öde, der Gefängnis-Alltag. Was kann man schon tun. Zahnstocher produzieren, Säcke kleben, Maschinen bedienen, Sport treiben, fernsehen, lesen oder warten, bis der Wärter das Essen bringt. Oder vielleicht Musik machen?

Genau das hat sich Peter Bursch gedacht. Er ist ein deutscher Gitarrist, Gitarrenlehrer und Buchautor und spielt unter anderem mit den deutschen Rockgruppen Bläck Fööss oder BAP.

In den Zellen erklingt «Smoke on the Water»

Auf die Idee kam Peter Bursch mehr oder weniger zufällig: Von dankbaren Schülern bekam er viel Post als Reaktion auf seine vielen Gitarrenlehrbücher. Einmal auch von einer Mutter. Ihr Sprössling war im Gefängnis dank Burschs Buch von den Drogen weggekommen und hatte dafür die Gitarre entdeckt. Also dachte sich Bursch: Warum nicht? Schrieb einen Brief ans Justizministerium und stiess dort auf offene Ohren. Denn der Pressesprecher hatte schon ein Buch von Bursch und spielte selbst Gitarre.

Dann ging alles ganz schnell: Bursch fand einen Gitarrenhändler, der bereit war, Instrumente zu spenden. Es kam zu einem ersten Workshop, bei dem die sehr interessierten Häftlinge einfache Riffs lernten, um damit nicht Barockmusik zu zupfen, sondern «Smoke on the Water» von Deep Purple.

Vorbild England

Das Projekt mit der Gefängnisgitarre gibt es aber nicht erst seit Peter Bursch. Als «Jail Guitar Doors» (ein Song von «The Clash») ist bereits eines in England entstanden. Unter diesem Label verteilt der Songwriter Billy Bragg seit Jahren Gitarren an englische Gefängnisse. Zuerst gegen grössere Widerstände. Manche Politiker hatten Bedenken, der eine oder andere Gefangene könne versucht sein, Mithäftlinge mit den Stahlsaiten zu erwürgen. Das Problem liess sich lösen: Die Gefährlichen dürfen nur unter Aufsicht üben, die anderen auch allein.

Ein paar Jahre nach der britischen Initiative gab es auch in Amerika einen erfolgreichen Ableger. Gitarrist Peter Bursch hat mit seiner deutschen Initiative ebenfalls sehr gute Erfahrungen gemacht: «Musik kann so stark sein, dass die Häftlinge neuen Lebenssinn finden.»

Keine Wunder, aber Erfolgsgeschichten

Studien über Rückfallquoten der gitarrespielenden und der nicht-gitarrespielenden Straf-Entlassenen gibt es zwar nicht. Aber Erfahrungsberichte, etwa von Billy Bragg und seinem britischen Projekt «Jail Guitar Door». «Ein Instrument zu lernen, Gitarre spielen zu können und Leute zum Zuhören zusammenzubringen, fördert das Selbstvertrauen», sagt Bragg. Er erzählt von einem drogenabhängigen Ex-Häftling, der noch nie länger als zwei Jahre in Freiheit war. Jetzt, wo er Gitarre spielen kann, ist er seit vier Jahren nicht mehr verhaftet worden.

Ob Gitarren hinter Gittern Wunder wirken können? Wunder vielleicht nicht. Aber sie haben eine heilsame Wirkung auf die Stimmung im Gefängnis. Und vielleicht auch Nebeneffekte.