Gunther Schuller war ein Mastermind zwischen Klassik und Jazz

Der New Yorker Gunther Schuller war Hornist, Dirigent, Komponist und Musikwissenschafter. Er war ein Renaissance-Mann und brachte klassische Musiker und Jazzer zusammen. Am Sonntag ist Gunther Schuller im Alter von 89 Jahren in Boston gestorben.

Schwarz-Weiss-Foto von Gunther Schuller im Frack.

Bildlegende: Gunther Schuller 1967, ein Jahr, nachdem seine Oper «Visitation» uraufgeführt wurde. Keystone

Niemand hat die Synthese von Jazz und Klassik so idealtypisch verkörpert wie Gunther Schuller. 1957 prägte er den Begriff «Third Stream», dritte Strömung, in einer Vorlesung an der Brandeis University. Was dieses Zusammengehen der beiden Musiksparten bringen könnte, lebte er praktisch wie theoretisch vor.

Schuller, 1925 als Sohn deutscher Einwanderer in New York geboren, konnte darüber nicht nur perfekt zweisprachig referieren. Er brachte auch Vertreter beider Strömungen miteinander in Verbindung.

Meilenstein mit Miles Davis

1950 war er erstmals an einer epochalen Aufnahmesession beteiligt. Am 9. März spielte er als Mitglied des Miles Davis Nonets Waldhorn an der Seite von Jazzgrössen wie Lee Konitz, J.J.Johnson, Gerry Mulligan oder Max Roach. In den vier Stücken, in denen er zu hören ist, tritt er nicht als jazzmässiger Solist auf, sondern als Ensemblemitglied in den Arrangements von Gil Evans.

An dieser Musik, die erst viel später unter dem Titel «Birth Of The Cool» erschien, arbeitete sich Gunther Schuller noch bis in die jüngste Zeit ab. 2006 schrieb er für den Tenoristen Joe Lovano die «Birth Of The Cool Suite» für das Album «Streams Of Expression».

Zuhause in der Oper und im Jazz

Gunther Schuller komponierte in der Folge Musik, mit der er versuchte, seinem hohen Anspruch gerecht zu werden. Es entstanden Werke wie etwa 1966 die Jazzoper «The Visitation» als Auftrag der Hamburgischen Staatsoper.

Einen wirklichen Meilenstein setzt er damit allerdings nicht. Erst sein Engagement für die integrale Uraufführung von Charles Mingus' Opus Magnum «Epitaph» 1989 brachte ihn wieder ins Bewusstsein einer breiteren musikalischen Öffentlichkeit. Das ist im Rückblick etwas ungerecht, denn Schuller engagierte sich auch stark für viele prominente Jazzmusiker, die sich zwischen den Welten Klassik und Jazz zu bewegen versuchten, wie etwa Ornette Coleman oder Eric Dolphy.

Meilensteine als Musikhistoriker

Als Musikwissenschafter war Gunther Schuller seit den späten 50er-Jahren eine Art graue Eminenz der Jazzgeschichtsschreibung. Seine Publikationen «Early Jazz» (1968) und «The Swing Era» (1989) gelten als absolute Standardwerke.

Sie sind in ihrer Detailtreue und dem Kenntnisreichtum ihres Autors ohne Vergleich geblieben. Letztlich ist sein auf drei Bände angelegtes Jazzgeschichtsprojekt ein Fragment geblieben. Einen geplanten dritten Band über Bebop schaffte der ungeheuer produktive Schuller nicht mehr.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Nachrichten, 22.6.2015, 16.30 Uhr