Matthias Zieglers Sound-Raffinerie

Klänge und Räume faszinieren ihn seit jeher. Der Flötist aus Zürich hat sein klassisches Instrument mit Zusatzklappen und elektronischen Mitteln erweitert. Und mit der Kontrabassflöte stösst er an die Grenzen des Hörbaren vor. Zum Interview ohne Worte bringt er sein grösstes Instrument mit.

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Haben Sie Töne, Matthias Ziegler?

3:04 min, vom 21.12.2012

Irgendwann gegen Ende des Studiums musste er sich entscheiden – entweder Musik oder Architektur. Matthias Ziegler entschied sich für die Flöte und legte an der ETH Zürich eine Pause ein. Die Pause dauert bis heute. Stetig ausgebaut hat der innovative Musiker hingegen das Spektrum seiner Klänge.

Seine Instrumenten-Sammlung zeugt davon. Da ist die klassische Querflöte, dazu Alt- und Bassflöte, die er auch elektronisch verfremden kann. Und dann das glänzende Riesending mit zwei Winkeln: Eine Kontrabassflöte mit Tonabnehmern, die er mit einer Bodenstütze vor sich hinstellt, um damit die ganz tiefen Töne zu erzeugen. Der wortgewandte Musiker, nicht ohne Selbstironie: «Ich schwinge halt gern die grosse Röhre.»

Eigene Erfindung: «Matusi Flute»

Zusätzlich spielt Ziegler auch ein Instrument, das er selbst mit einem Flötenbauer entwickelt hat. Mit einer besonderen Klappe kann er daran eine Membran in Schwingung versetzen. Dann ensteht, wie bei den chinesischen Instrumenten in der Peking-Oper, ein durchdringend sirrender Ton.

Aber Matthias Ziegler ist nicht nur Tüftler. Der international beschäftigte Solist experimentiert auch musikalisch zwischen den Stilen. Im Duo «Voices and Tides» mit der Berner Stimm- und Performance-Künstlerin Franziska Baumann betreibt er die Klangsuche zwischen Improvisation und Live-Elektronik. Dabei vertauschen die beiden den Konzertsaal auch mal mit einem Bergsee.

Architektur zum Klingen bringen

Neue Klangräume erkunden und Töne mit Geräuschen zu einer magischen Atmosphäre verbinden – das hat Matthias Ziegler auch in der Musik für Hörspiele und in Konzerten für ein junges Publikum erfolgreich umgesetzt.

Mit Projekten unter dem Motto «Palladio – Musik und Raum» lebt er sein Faible für spannende Architektur aus. Sei es mit Musik in einer italienischen Renaissance-Villa oder mit seinen Flöten-Sounds im verzweigten Röhrensystem der Staumauer Grande-Dixence.

Auch als Leiter des Festivals «Flims Klang» hat Matthias Ziegler sechs Jahre lang neue Wege beschritten. Er brachte Hotelfassaden und Seilbahnen zum Klingen. Seine Installationen und Improvisations-Konzepte liessen Jazzmusiker in Booten improvisierte Wassermusik machen und Bergsteiger mit Lautsprechern eine Felswand hinauf klettern.

Virtuelle Räume erschliessen: telematische Konzerte

Das nächste Grossprojekt des Professors für Flöte und Improvisation an der Zürcher Hochschule der Künste sind Konzerte, in denen Künstler aus zwei Kontinenten per Live-Stream über das Internet zusammen improviseren. Ein erstes «telematisches Konzert» im Mai 2013 brachte Musiker aus der Schweiz und den USA auf die virtuelle Bühne. Weitere Veranstaltungen sollen folgen.

Und dann steht der Umzug der ZHdK in ihr neues Gebäude auf dem Zürcher Toni-Areal an. Auch dieses Projekt beschäftigt den «pausierenden» Architekten nicht wenig: Als Musik-Kurator des grossen Eröffnungsfests im Herbst 2014. Matthias Ziegler besucht oft die Baustelle und ist ist zuversichtlich, was den schon oft verschobenen Zügeltermin auf den neuen Campus in Zürich-West angeht: «Wir werden mit einem grossen Fest dort einziehen.»

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