Helden, Hochmut, Heuchelei: Literatur im Barock

Diese Bücher aus der Barockzeit lesen wir auch heute noch gerne. Weil sie uns in andere Sphären und Zeiten versetzen – oder erstaunlich aktuell sind. Sechs literarische Höhenflüge aus dem Barock.

Stillleben mit Büchern und einer Geige.

Bildlegende: Jan Davidsz de Heem, «Stillleben mit Büchern», 1628. Wikimedia

    • Pedro Calderón de la Barca

      Bildlegende: Pedro Calderón de la Barca Wikimedia

      Calderón de la Barca: «Das Leben ein Traum» (1635)

      Steht unser Leben in den Sternen? Oder in den Genen? Ist alles vorherbestimmt, alles Schicksal? Alles vorhergesagt, wie bei den Hexen von Macbeth oder den Horoskopen bunter Blätter? Calderón meint in seinem Drama: nein. Das war der Skandal – und wurde doch ein grosser Erfolg. Calderons Held ist ein Held auf Probe. Einer, der bestätigt, was ihm vorhergesagt ist. Oder doch nicht. War alles nur Traum? Alles Fake? Es gibt eine zweite Chance. Sein Held ändert alles, aus eigener Macht.

    • Andreas Gryphius

      Bildlegende: Andreas Gryphius Wikimedia

      Andreas Gryphius: «Vanitas!» (1643)

      Vanity Fair: Jahrmarkt der Eitelkeiten. Ein guter Titel für das berühmte Modejournal, für William Thackerays ebenso berühmten Roman – und für Andreas Gryphius' Sonett «Vanitas!». Vanity, die Lust am Flitter der Moden, steht am Beginn. Und am Ende ist es die Vergänglichkeit, die Andreas Gryphius meint, wenn er von «Vanitas» spricht. Das Bewusstsein davon ist betäubt, immer schon. Verdeckt von Luxus und Verschwendung. Aber es ändert sich. Und der Glamour verfliegt aus dem Doppelsinn des Wortes.

    • Thomas Hobbes

      Bildlegende: Thomas Hobbes Flickr/Lisby

      Thomas Hobbes: «Leviathan» (1651)

      Die Pazifikinsel ist ihre Rettung. Während des Zweiten Weltkriegs ist eine Gruppe Jugendlicher dort notgelandet. Sie müssen eine neue Ordnung etablieren, um zu überleben. Eine Gesellschaft am Nullpunkt. Das geht schief, gründlich. Der Kampf beginnt, mit allem, was zur Verfügung steht. Gewalt und Gegengewalt, in William Goldings «Herr der Fliegen». Alle gegen alle, das ist das Modell. Thomas Hobbes verwendete dieses Modell schon früher: im Englischen Bürgerkrieg 1642-1647. Krieg als Naturzustand, Kampf, der immer schon begonnen hat und der nie endet. Konkurrenz, Misstrauen, Ruhmsucht sind seine Triebfedern. So verlieren alle – und nur der Staat bietet Schutz. Der Staat als Freund und Helfer. Das ist die Wende. Und Thomas Hobbes bleibt unser Zeitgenosse.

    • Molière

      Bildlegende: Molière Flickr/Skara kommun

      Molière: «Der Menschenfeind» (1666)

      Molière spielte seine Hauptrolle gleich selbst bei der Uraufführung im Pariser Palais Royal. Alceste ist der Menschenfeind, und der Kampf gegen die Lüge sein Motiv. Ist Wahrheit zumutbar oder Zumutung? Molières Menschenfeind jedenfalls ist eine Zumutung für die Gesellschaft, in der die Lüge konstitutiv ist. Sie braucht die Ordnung der Heuchelei. Wer widerspricht, ist Avantgarde. Die bürgerliche Revolution wird es später damit versuchen. Das kostet Leben und bleibt doch auf Dauer ohne Erfolg. Die Luftspiegelungen des Sozialen sind Last und Lust, kostbar und notwendig. Molière spricht von Melancholie. Der Menschenfeind ist eine Komödie.

    • Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

      Bildlegende: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Wikimedia

      Grimmelshausen: «Simplicissimus» (1668)

      Der Einfältige, der, der seinen Namen nicht kennt, das ist Grimmelshausens Held. Ein Outcast, ganz unten auf dem Weg durch die zerstörte Geografie des Dreissigjährigen Krieges. Sein Autor benutzte ein Anagramm zur Veröffentlichung (German Schleifheim von Sulsfort für Christoffel von Grimmelshausen), um sich zu tarnen. Sein Held führt Krieg auf eigene Rechnung, hat erotische Affären, stirbt fast an den Pocken, wird Betrüger, fährt mit Wassergeistern zum Mittelpunkt der Erde und der Verrücktheiten mehr. Fantasy im Barock. Der Narr der Religionskriege. Macht, Geld und Terror zu einer Zeit, «von der man glaubt, dass es die letzte sei». Grimmelshausen war Beamter in sicheren Verhältnissen, als er die grosse Unsicherheit beschrieb. Er hat ein grosses Rad gedreht, den ersten deutschen Roman von Weltrang.

    • Blaise Pascal

      Bildlegende: Blaise Pascal Wikimedia

      Blaise Pascal: «Gedanken» (1670)

      «Überall nur Unendlichkeiten, die mich wie ein Atom einschliessen», fand Blaise Pascal – eine von zahllosen Einträgen auf 1000 Blättern seiner «Gedanken». Es geht um Gott und die Welt, um das «denkende Schilfrohr Mensch» und um seine schwierigen Eigenheiten. Um Illusionen und die Grenzen der Vernunft. Pascal lebt als Libertin, und als er schreibt, ist schon alles vorbei: «Nichts ist dem Menschen so unerträglich, als wenn er sich in vollkommener Ruhe befindet, ohne Leidenschaften, ohne Beschäftigungen, ohne Zerstreuungen, ohne Betriebsamkeit. Dann fühlt er seine Nichtigkeit, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere.» Gedanken wie eine Zeitreise in die Internet-Galaxie. Zur «Lage des Menschen» dann noch drei Worte: «Unbeständigkeit, Langeweile, Unruhe.»