Hugues Dufourt – der ungreifbare Klangmagier

Der französische Komponist und Philosoph Hugues Dufourt hat in den 1970er-Jahren die «musique spectrale» mitbegründet und damit eine Reise ins Innere des Klanges initiiert.

Hugues Dufourt

Bildlegende: Hugues Dufourt Astrid Karger

Ein klirrend kalter Dezembertag. Es ist schon dunkel, als Hugues Dufourt am späten Nachmittag im Hof der Musikakademie Basel erscheint. Monsieur Dufourt, 69 Jahre alt, eine vornehme Erscheinung mit Hut und dunklem Wintermantel. Zurückaltend-distinguiert wirkt er im ersten Augenblick, doch schnell taut die Stimmung auf und bald schon ist er mitten ins Gespräch vertieft – mit hellwachem und konzentriertem Blick. Man kann ihm regelrecht beim Denken zuschauen.

Philosoph und Komponist

Tatsächlich hat Dufourt in seinem Leben beides verbunden: das philosophische Denken und das Komponieren. Nicht nur ist er seit den 1970er-Jahren wegweisend als Initiator der «musique spectrale». Dufourt unterrichtete auch Philosophie an der Universität in Lyon. «Es genügt nicht, die Musik zu schaffen, man muss sie auch denken», sagt Dufourt. Doch trotz seiner philosophischen Karriere hat es ihn immer wieder zum Komponieren gezogen, denn die Musik berühre grundlegende und archaische Fragen der Menschheit.

Ein komponierender Philosoph? Man könnte meinen, seine Musik sei abstrakt, streng und vielleicht auch ein bisschen spröde. Umso grösser die Überraschung, eine Musik zu hören, die unmittelbar berührt und emotional ergreift.

Reise ins Innere des Klangs

Die Spektralisten der 1970er-Jahre um Hugues Dufourt waren richtige Klang-Pioniere. Ihre musikalischen Experimente sollten eine Reise ins Innere des Klanges werden – und das ist alles andere als esoterisch gemeint. Die Spektralisten forschten vor allem mit Hilfe des Computers. Er wurde zu einer Art Mikroskop, mit dem man in Klang hineinschauen, neue Phänomene entdecken und wissenschaftlich erforschen konnte.

Sie arbeiteten nicht nur mit den natürlichen Obertönen sondern generierten mit Hilfe des Computers neue Klangspektren. Überträgt man diese Klangphänomene dann aufs Orchester, lassen sich wunderbar künstliche und ästhetisch überzeugende Klang-Gebilde bauen, die vorher schlicht nicht denkbar gewesen wären.

Mark Rothko als Inspiration

Hugues Dufourts Musik wirkt über lange Strecken statisch und ist doch immer in Bewegung. Es ist der Klang selbst, der sich wandelt, sich permanent verändert. Diese Musik erinnert an die Farbflächenbilder Mark Rothkos. Und tatsächlich hat sich Hugues Dufourt von den abstrakten amerikanischen Malern des 20. Jahrhunderts inspirieren lassen.

Bei Jackson Pollock, Barnett Newman oder Mark Rothko findet er dieses vibrierende Strahlen. «Wenn man die Bilder lange genug anschaut, sich in sie vertieft, dann beginnen sie sich aufs Mal zu bewegen, belebt durch ein Art von innerem Herzflimmern», erklärt der Komponist. Diese Bilder begeisterten Hugues Dufourt und gaben ihm den Schlüssel zu seinem eigenen Komponieren.

Grauenhafte «convivialité»

Hugues Dufourt hat sich Zeit seines Lebens in unterschiedlichen Institutionen kulturpolitisch engagiert. Was die aktuelle Situation der zeitgenössischen Musik betrifft, sieht er schwarz. Die «convivialité» («gemütlich-gesellige Musik») – ein grauenhaftes Wort, laut Dufourt – dominiere heute den Musikbetrieb.

Die Mehrheit des Publikums lehne anspruchsvolle Inhalte ab und verlange eine Musik, die einfach, zugänglich und harmlos sei, «als ob es die dringlichste Aufgabe eines Komponisten ist, Freude zu bereiten und Unterhaltungsmusik zu schaffen – aber das ist überhaupt nicht unsere Aufgabe», echauffiert sich Hugues Dufourt. Noch immer also ist der Komponist und Denker Hugues Dufourt bereit zu kämpfen – für eine Musik der unerhörten Klänge!

Musique spectrale

1973 haben sich Hugues Dufourt, Gérard Grisey, Tristan Murail und Michaël Lévinas unter dem Namen «L’Itinéraire» zu einer Art Forscher-Gruppe zusammengeschlossen. Gemeinsam experimentierten sie mit dem Klang und seinem riesigen Spektrum an Obertönen, daraus entstand die «musique spectrale».

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