Ich höre, also kaufe ich? Das Ende von Muzak

Jahrzehnte säuselte Muzak aus den Lautsprechern der Warenhäuser. Dezente und anspruchslose Musik, die den Kunden ein wohliges Gefühl vermitteln soll. Dasselbe Mittel setzen heute auch hippe Stores ein. Mit einem markanten Unterschied: Die Musik dröhnt in schlagenden Beats im Vordergrund.

Shop der amerikanischen Kleidermarke Abercrombie & Fitch

Bildlegende: Clubfeeling statt gemütliches Shopping: In den Kaufhäusern von «Abercrombie & Fitch» wummern die Bässe. Reuters

Muzak war während Jahrzehnten die stille Macht im Hintergrund, die in Warenhäusern zum Kaufen animieren sollte. Wissenschaftliche Einigung über die tatsächliche Wirkung gab es aber nie.

Ursprünglich ist Muzak der Name einer Firma, die der Amerikaner George Owen Squier 1934 gründete. Er produzierte und vertrieb Musik für Hotels, Warenhäuser und Aufzüge. Die Masche: Populäre Musik von den firmeneigenen Musikern weichspülen lassen, scharfe Dissonanzen streichen, Gesangsstimmen raus, ruhiger Rhythmus rein. Kurz: Entleerte Musik, die nicht stört.

Von der Marke zum Genre

Der Name wurde zur Genrebezeichnung, häufig negativ konnotiert. Populärstes Beispiel: John Lennon, der in seinem Song «How do you sleep» seinen ehemaligen Beatles-Kollegen Paul Mc Cartney angriff mit der Zeile «The sound you make is muzak to my ears».

In den 70er-Jahren brach der Erfolg der Firma Muzak ein. Rock’n’Roll und Pop formten Individualisten. Musik wurde Identifikationsmittel und der Einheitsbrei Muzak zu unpersönlich. Gleichzeitig schlich er sich in den Lounges ein – in Form von Softjazz oder Ambiant-Music.

Radikale Wende mit dem gleichen Ziel

Immer häufiger schleudern den Kunden heute in den Kleiderläden der Jungen harte Beats zwischen 70 und 90 Dezibel entgegen, Lautstärken wie in einer Diskothek. Marken wie Abercrombie & Fitch oder Tally Weijl verfolgen damit ein ganz klares Ziel: Identifikation – mit der Musik und damit auch mit den Kleidern. Wem die Musik zu laut ist, oder wer die elektronischen Beats nicht erträgt, macht schon auf der Türschwelle rechtsumkehrt. Eine gewollte Auslese. Diejenigen, die reinspazieren, fühlen sich unter Ihresgleichen und in der Kabine schon in den Club versetzt, wo sie die Kleider später präsentieren werden.

Stress für die Mitarbeitenden

Die Wissenschaft hat aber noch eine andere Wirkung entdeckt: Eine Untersuchung der University of Illinois zeigt, dass Kunden ab einem Pegel von 70 Dezibel die Konzentration aufs Wesentliche verlieren und ihr Kaufverhalten ändern.

Die wirklich Leidtragenden sind aber die Mitarbeitenden. Denn Lärm ab 65 Dezibel bewirkt im Körper Stress. Die Folge: Hoher Blutdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Laut dem Bundesamt für Gesundheit erträgt ein gesundes Gehör etwa 10 Stunden bei 93 Dezibel pro Woche. Für Lautstärken ab 80 Dezibel empfiehlt das BAG einen Gehörschutz.

Gegenbewegung

Diesem Trend wirkt das Londoner Luxuskaufhaus Selfridges entgegen. Seit Anfang des Jahres gibt es einen «Quiet-Shop», eine Ruhezone, die nur betreten darf, wer Schuhe und Handy abgibt.

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