In Berlin wagt sich ein neues Label an sehr alte Technik

Das neue Label «Berliner Meisterschallplatten» feiert die Wiedergeburt einer alten Aufnahmetechnik. Zusammen mit risikofreudigen Musikerinnen und Musikern wagen Rainer Maillard und sein Team die Aufnahme direkt auf Platte. Ein Verfahren, das die Musik verändert.

Eine Schallplatte mit dem Label «His Master's Voice»

Bildlegende: Nichts für schwache Nerven: Das Label «Berliner Meisterschallplatten» nimmt direkt auf Platte auf. Reuters

Rainer Maillard gehört zu den gefragtesten Tonmeistern Deutschlands und ist Geschäftsführer der Emil-Berliner-Studios in Berlin. Er hat für seine digitalen Aufnahmen mit Klassik-Stars wie Pierre Boulez und Anna Netrebko Grammys gewonnen, war Professor für Musikübertragung an der Hochschule für Musik Detmold und gründete 2012, zusammen mit seinem Berufskollegen Stefan Flock, das Vinyl-Label «Berliner Meisterschallplatten».

Keine glattgebügelten Aufnahmen

Warum zurück zum Vinyl? – fragt man sich im Zeitalter der Digitalisierung, die über den Musikmarkt und die Musikrezeption hinaus unseren Alltag beherrscht. «Die Werkzeuge haben sich in den knapp dreissig Jahren verselbständigt», sagt Rainer Maillard.

«Musiker und Musikerinnen kommen weniger gut vorbereitet ins Studio, weil in der Postproduktion fast alles möglich ist. Der Trend zur perfekten Oberfläche führt zu glattgebügelten Aufnahmen, und das Endprodukt ist vergleichbar mit einem schön geschriebenen Brief auf dem Computer.»

Höchste Professionalität gefragt

Mit der Gründung des eigenen Labels hat sich der passionierte Tonmeister einen Lebenstraum erfüllt. Dabei greift er auf das Aufnahme-Verfahren zurück, das nach 1945 und mit dem Einsatz des Tonbandes – abgesehen von einem Revival in den 1970er Jahren – verschwunden ist. Direct-to-Disc-Aufnehmen bedeutet: Was gespielt wird, kommt auf die Lackfolie; was auf der Lackfolie ist, kommt auf die Platte. Vor und hinter den Mikrofonen ist höchste Professionalität gefragt, was der Besuch in der Regie der Emil-Berliner-Studios offenlegt.

Maarten de Boer ist einer der letzten Vinyl-Profis und in der Lage, die wieder in Stand gesetzte Schneidemaschine der einschlägigen Firma Neumann zu bedienen. Er legt die Lackfolie auf den Teller und platziert darüber den Schneidekopf, vergleichbar dem Tonarm beim Plattenspieler. Ein heisser Stichel aus Stahl senkt sich und kratzt die Toninformation ein. Diese wird durch die Mikrophone in mechanische und elektrische Schwingungen verarbeitet. Sie steuern die Bewegungen des Stichels und müssen vom Profi an der Maschine aufgefangen werden. Laute Töne erzeugen grosse Bewegungen, hohe Töne schnelle, entsprechend muss der Vorschub angepasst werden. Es kommt vor, dass Maarten de Boer ein Tonsignal zu spät abfängt. Dann driftet der Stichel ab, die Aufnahme muss abgebrochen werden, die Lackfolie wandert in den Papierkorb.

«Man nimmt jede Regung wahr»

Das Aufnahme-Verfahren ist nichts für schwache Nerven, bestätigen die Mitglieder des Meat4-Streichquartetts aus Finnland. Antti Tikanen, Minna Pensola, Atte Kilpeläinen und Tomas Djupsjöbacka stellen sich nach zwei erfolgreichen CD-Produktionen dem Risiko und sind, selber Digitale Natives, begeistert. Jeder Durchgang (maximal 20 Minuten pro Lackfolie) hat seine eigene Atmosphäre, und das Spielen in Echtzeit schärft die Wahrnehmung.

«Man ist noch stärker aufeinander angewiesen und nimmt jede Regung wahr», sagt die Geigerin Minna Pensola. Dass dies gleichermassen für das Produktionsteam gilt, schweisst die Truppe zusammen. Ausserdem trifft man in den Emil-Berliner-Studios nahezu ideale Arbeitsbedingungen an.

Emil Berliner ist in einer von ihm signierten schwarz-weissen Abbildung zu sehen, der Erfinder der Schallplatte und des Grammophons.

Bildlegende: Emil Berliner, Erfinder der Schallplatte und des Grammophons. Keystone

Konzert ohne Publikum

Im Meistersaal von 1913 wurde und wird Schallplattengeschichte geschrieben und heute auch von einer Eventagentur Geld verdient. Gaben sich früher Stars von Zarah Leander über Claudio Arrau bis U2 die Klinke in die Hand, sind es heute, nach dem Rückbau in den Originalzustand, unterschiedlichste Nutzer.

Für akustische Musik und eine entsprechend massgeschneiderte Mikrofonierung ist der Meistersaal ideal. Er hat eine perfekte Akustik und erzeugt mit seinem Dekor aus Gips, Holz und Plüsch auch ohne Publikum Konzertatmosphäre.

Wenn die Schallplatte mit Jean Sibelius Streichquartett op. 56 auf den Markt kommt, «muss ich mir den Plattenspieler meines Vater borgen», sagt Minna Pensola lachend und macht sich nach der dreistündigen Aufnahmesitzung auf die Suche nach einem «schnellen» Mittagessen.

Am Nachmittag geht es weiter mit den Sätzen vier und fünf und abends will man sich für zwei Lackfolien (eine für die Vorder- und eine für die Rückseite der Platte) entschieden haben. Dabei wird die musikalische Energie der Perfektion vorgezogen.

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