In Indien gibt der Techno den Ton an

Indien hat sich vom Entwicklungsland zum Hightech-Land entwickelt. Das spiegelt sich auch in der Musik wider. Denn elektronische Musik boomt – und bringt einen neuen Typ Musiker hervor: den digitalen Heimwerker, der sich auch im traditionellen Repertoire bedient.

Eine Zeichnung einer indischen Frau. Sie trägt einen Nasenring und eine Art farbigen Strahlenhut.

Bildlegende: Das moderne und das traditionelle Indien sind in Nucleyas Musik hörbar (Cover-Ausschnitt seines Albums «Bass Rani»). Nucleya

Vor ein paar Jahrzehnten noch galt Indien als armes Entwicklungsland, das mit Hungersnöten zu kämpfen hatte. Inzwischen ist es zum innovativen Hightech-Land avanciert: Die Software-Industrie boomt, eine hochmoderne Infrastruktur entsteht. Die Stadt Bangalore gilt mittlerweile als «Hightech-Labor der Welt» – das «Silicon Valley» Asiens. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der aktuellen Musik wider.

Digitales Heimwerken boomt

Heute sind es nicht mehr die traditionellen Instrumente, die den Ton der indischen Musik bestimmen. Vielmehr treiben das Internet und die sozialen Netzwerke die Entwicklung voran. Ein neuer Musiker-Typ hat sich in den letzten Jahren hervorgetan: Er agiert im virtuellen Raum des Internets, ist nicht mehr lokal verortet, sondern international vernetzt. Er ist Instrumentalist, Produzent, DJ, Mixer und Remixer in einer Person. Er fabriziert am Laptop seine Tracks, schickt Soundfiles zwischen Bombay, Kalkutta, London und New York hin und her, die dann über Youtube, Streaming-Plattformen sowie Download-Sites den Weg zum Hörer finden.

Ein solcher digitaler Heimwerker ist Nucleya. Der Produzent und DJ aus Neu-Delhi hat sich einst seine Inspiration direkt aus den Clubs von Ibiza geholt. Doch schwebte ihm etwas anderes vor. Während andere indische DJs westlichen House und Techno eins zu eins kopierten, entwickelte Nucleya seinen eigenen Stil, der Elemente südindischer Folkmusik einbezog. Im Dubstep von «Street Boy» ahmt Nucleya etwa den Klang der traditionellen Oboe Nagaswaran elektronisch nach.

Elektronische Beats treffen auf indische Klänge

Anfangs kamen die entscheidenden Impulse von aussen. Talvin Singh in Grossbritannien und Bill Laswell in den USA experimentierten schon in den 1990er-Jahren mit den Möglichkeiten, elektronische Beats mit indischen Klängen zu verbinden.

In seinem «Tabla Beat Science»-Projekt bezog Laswell den bekannten Trommel-Virtuosen Zakir Hussain ein. «Ich ging in Laswells Studio in New Jersey und nahm eine Menge Tabla-Rhythmen auf», erinnert sich Hussain. «Dann brachten wir diese Rhythmus-Muster in ein Songformat und andere Musiker wie Karsh Kale legten ihre Sounds darüber. Die Entstehung der Platte war genau wie die Produktion einer Drum'n'Bass-Platte, nur dass wir keine Samples, sondern richtige Tablas verwendeten. Die natürlichen Rhythmen gingen mit den elektronischen Beats perfekt zusammen.»

Klassisches Repertoire, neu inszeniert

Für Shakar Tucker ist weniger House und Techno als die Filmmusik von Bollywood eine Inspiration. Der junge Klarinettist und Komponist aus den USA mit engen Verbindung nach Indien hat mit seiner «Shrutibox»-Reihe auf Youtube einen sensationellen Erfolg erzielt. In dieser Serie von Musikvideos setzt Tucker häufig Lieder aus dem klassisch indischen Repertoire filmisch und musikalisch neu ins Szene. Zu den Aufnahmen zieht er die besten jungen Sänger und Musiker vom indischen Südkontinent heran sowie Könner elektronischen Sound-Designs.

2011 gestartet, wurde die «Shrutibox»-Serie enthusiastisch aufgenommen und in zwei Jahren mehr als 15 Millionen Mal angeklickt. Die ungeheure Online-Popularität erlaubt es Tucker, seine Musik inzwischen auch in Konzerten zu präsentieren. Dazu ist ein reguläres Album in Arbeit. Für Tucker und Nucleya hat die Zukunft der indischen Musik gerade erst begonnen.

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