Italien spart seine Musikszene zu Tode

Auch wenn Regierungschef Matteo Renzi der Welt verkündet, dass es mit Italien wieder bergauf gehe: Im Kulturbereich wird weiterhin gekürzt. Darunter leidet vor allem die Musikszene. Opernhäuser bekommen zwar Geld, doch die Klassik-Einrichtungen und zeitgenössische Musik erliegen dem Sparprogramm.

Ein Opernsänger mit ausgestreckten Armen, hinter ihm ein pompöser Vorhang.

Bildlegende: Opernhäuser wird unter die Arme gegriffen, andere gehen leer aus (Sänger Ambrogio Maestri in der Mailänder Scala). Keystone

Insgesamt 60 musikalische Einrichtungen und Institutionen erhalten weniger Geld vom Staat – oder gar nichts mehr. Das entschied kürzlich das Kulturministerium. Rund 20 Millionen Euro sollen auf diese Weise eingespart werden.

Die finanziellen Kürzungen und Totalstreichungen wurden den Betroffenen zufolge nach unverständlichen Kriterien getroffen. Unverständlich, weil zum Beispiel das eher unbedeutende Symphonieorchester Siziliens ab sofort 750‘000 Euro mehr erhält als im Vorjahr, das angesehene Toscanini-Orchester in Parma jedoch 250‘000 Euro weniger. Ein bis dato nur auf dem Papier existierendes Orchester wie das neapolitanische Orchestra del Mediterranea bekommt hingegen eine Million Euro.

Der Fall der Musikszene Italiens

Seit Jahren häufen sich Horrornachrichten aus der italienischen Kulturszene. Die Florentiner Uffizien können immer wieder ihre Stromrechnungen nicht bezahlen, Opernhäuser stehen vor der Pleite und bedeutende Festivals wie das dreimonatige Sommerfestival Estate Romana werden finanziell bis zur Bedeutungslosigkeit ausgedünnt. Tatsache ist aber auch, dass viele Kulturbereiche aus eigener Schuld in die finanzielle Misere geraten sind.

Das beste Beispiel dafür sind die Musiktheater. Unter Berlusconi wurden ihnen drastisch die Finanzmittel gekürzt. Man hoffte auf private Sponsoren, die sich aber nur bei der Scala in Mailand einstellten. Die anderen Bühnen gingen leer aus. Da sie nicht sparten, verschuldeten sie sich immer mehr – die Staatsoper Rom sogar mit 48 Millionen Euro.

Mit dem 2013 verabschiedeten Gesetz «Legge Bray» greift der Staat nun verschuldeten Opernhäusern unter die Arme, wenn sie sich nachweislich bemühen, ihre Finanzen in den Griff zu bekommen.

Eine glanzvolle Einrichtung: Das Opernhaus Scala in Mailand.

Bildlegende: Dem Opernhaus Scala in Mailand geht es gut – dank privaten Sponsoren. Keystone

Reformversuche

Das Legge Bray ist sicherlich ein wichtiges Gesetz, das viele Theater vor der Schliessung bewahrte. Doch während sich der Staat bei den Opernhäusern spendabel zeigt, beschränken sich seine «Reformversuche» für die übrige Musikszene nur auf das Ansetzen der Sparschere.

Konservatorien und Musikschulen, Institute zum Studium und zur Förderung der Musik von Renaissance bis heute, erhalten immer weniger Geld. Mit dem jüngsten Schlag von Anfang August erhalten so bedeutende Einrichtungen wie das römische Centri Musicali Attrezzati (Cemat) für die Förderung und die Aufführung zeitgenössischer Musik gar kein Geld mehr.

Warum investieren andere Staaten in die musikalische Ausbildung, in die Förderung von Festivals und Konzerten? Vielleicht deshalb, weil sie nicht wie Italien eine – bis auf wenige Ausnahmen – desinteressierte politische Klasse haben. Will ein junger Musiker, Instrumentalist oder Sänger Karriere machen, dann verlässt er Italien. Theater und Festivals mit ihren immer knapperen Finanzen können ihnen keine Zukunftsperspektiven bieten.

Immer nur Verdi, Puccini & Co.

Hinzu kommt, dass die rigorose staatliche Spar- und Belohnungspolitik (das Gesetz Legge Bray) die meisten Opernhäuser dazu verführt, nur noch ein gängiges Repertoire zu bieten, um Kasse zu machen. Vor allem Konzerte mit Musik von Verdi, Puccini, Bellini und auch Festivals, die sich auf Renaissance-, Barock-, Kammer- oder zeitgenössische Musik spezialisieren, gehen immer öfter leer aus.

Während das Kulturministerium vor allem die Grossen der italienischen Musikszene finanziert, allen voran die Scala in Mailand, scheint sie das Interesse an den für das regionale Musikleben enorm wichtigen musikalischen Institutionen komplett vergessen zu haben.

Zunehmend regen sich Proteste gegen diese traurige Realität: Die Betroffenen wollen Widerspruch gegen die jüngsten Kürzungen im Fall von 60 Einrichtungen einlegen – vor dem obersten Zivilgericht in Rom. Das Drama um das langsame Sterben der italienischen Musikszene geht weiter. Jedoch ohne viel Hoffnung, denn Italiens Politiker, auch die jüngeren wie Regierungschef Matteo Renzi, zeigen so gut wie kein Interesse am Thema Musik.

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