Jaimeo Brown verwandelt Schmerz in einen kraftvollen Klang

Carlos Santana, Stevie Wonder, Q-Tip, Carl Craig: Der Jazz-Schlagzeuger, Komponist und Arrangeur Jaimeo Brown spielte mit grossen Namen aller Sparten – von Rock und Soul bis Hip-Hop und Techno. Auf seinem neuen Album zeigt der New Yorker Musiker jetzt, wie der Schmerz der Arbeiterklasse tönt.

Jaimeo Brown trägt Kabel um seinen Hals.

Bildlegende: Er zieht wie ein Feldforscher durch die Strassen – und fängt dort Töne auf: Jaimeo Brown. Rebecca Meek

Jaimeo Brown wächst in Harlem auf. Doch immer wieder ist er mit seinen Eltern anderswo unterwegs. Sie sind Jazzmusiker: Der Vater spielt Bass, die Mutter Piano. Sie arbeiten als Musiktherapeuten überall in den USA. Deshalb folgt ihnen Jaimeo Brown und verweilt an den unterschiedlichsten Orten. «Ich musste immer das ganze musikalische Equipment mitschleppen», erinnert er sich.

Ein Aufenthalt in einem Indianerreservat in Montana beeindruckt ihn tief und nachhaltig. «In dieser Gemeinschaft der Native Americans wurde mir die Kraft ihrer Stimme bewusst. Ich erfuhr über ihre leidvolle Geschichte als Minderheit und über ihre Unterdrückung in den USA», erklärt er.

Hip-Hop, Kirche und Jazz

Als Teenager entdeckt er inmitten der orientierungslosen Jugend und Gangkultur der Bay Area die Hip-Hop-Kultur der Westküste. Und wenn er in Harlem ist, wird auch auf der Strasse zu wilden Beats gerappt. Mit 16 Jahren beginnt er, Schlagzeug zu spielen – täglich bis zu sechs Stunden. Sein Kopf wird frei und er kann seine Probleme als pubertierender Jugendlicher bewältigen.

Jaimeo Brown schliesst sein Jazz-Studium mit der Abschlussarbeit «Wie die afroamerikanische Kirche den Jazz geprägt hat» ab. Er setzt sich mit Musikethnologen wie Alan Lomax auseinander. Sein Interesse für musikalische, historische und soziale Zusammenhänge wächst und lässt ihn nicht mehr los.

Ausdauernd dank der Musik

Mit dem Koproduzenten Chris Sholar, bekannt für seine Zusammenarbeit mit Kanye West und Prince, bringt er das Album «Work Songs» heraus. Grundlage dafür bilden Lieder, die Geschichten über harte Körperarbeit, Ausdauer und den Kampf von Arbeitern und Strafgefangenen erzählen. Dabei geht es auch um die Kraft der Musik, die den Arbeitern damals half zu überleben. «‹Work Songs› repräsentiert uns alle. Es gehört zu unserem Lebensweg, Schwierigkeiten zu überwinden», so Brown. Er sampelt Arbeiterlieder, will Schmerz und Unterdrückung in Klangbilder verwandeln.

Bei seinen Recherchen in Musikarchiven stösst Jaimeo Brown auf historische Tondokumente, die auf Gesängen und dem Klopfen japanischer Steinmetze beruht. Er bemerkt, dass «Work Songs» überall auf der Welt anzutreffen sind. «Das ist eine universale Geschichte», sagt der von musikethnologischer Neugierde getriebene Klangtüftler.

Klangwelt ohne Grenzen

Sein Ziel ist es, einen gemeinsamen musikalischen Nenner zu finden, der verschiedene Genres miteinander verbindet: das Akustische und das Digitale ebenso wie Jazz und klassischen Blues mit aktuellem Rock, Hip-Hop und elektronischer Musik. Jaimeo Brown geht respektvoll mit den Originalaufnahmen um. Er lässt sich davon inspirieren und übersetzt sie in sein eigenes Klanguniversum.

Dabei greift er auch auf seine Hip-Hop-Erfahrung zurück: das Sampling. Er kreiert Sound-Collagen, indem er Schlagzeug-Soli, Saxophon, Gitarre, Gesang und Keyboard hinzufügt. Er vermischt beispielsweise das Klopfen und die Gesänge der japanischen Steinmetze mit der von ihm aufgenommenen Stimme der indischen Sängerin Falu.

Auch sein Wohnort New York ist inspirierend. Auf der Suche nach neuen Klängen fürs aktuelle Album zieht er wie ein Feldforscher mit einem Rekorder durch die Strassen. Er macht an Baustellen Halt und wird sogar in direkter Wohnumgebung fündig. Auch diese Aufnahmen baut er in den universellen Sound-Kosmos von «Work Songs» ein. Jaimeo Brown überzeugt mit seiner Klangsprache: persönlich und zeitgemäss.

CD-Hinweis

Jaimeo Brown: «Work Songs». Membran, 2016.

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