Jubel- oder Todesmarsch? Die 5. Sinfonie von Schostakowitsch

Nach seiner Oper «Lady Macbeth» war Dmitri Schostakowitsch im Kreuzfeuer der Kritik. Mit seiner 5. Sinfonie wendete sich das Blatt: Schostakowitsch erntete dafür tosenden Premierenapplaus. Doch ist sie eine Anpassung ans stalinistische System – oder das Gegenteil: eine zynische Antwort darauf?

Büste Stalins mit russischen Flaggen

Bildlegende: Mitten in der Stalin-Ära: Schostakowitschs 5. Sinfonie – Anpassung ans System oder der blanke Hohn? Keystone

1937 wurde sie uraufgeführt, unter grossem Jubel des Publikums. Und auch die Parteiführung nahm es wohlwollend auf, das neue Opus von Schostakowitsch, die Sinfonie Nr. 5. Der junge russische Komponist war damit nach dem vernichtenden Artikel in der Prawda über seine Oper «Lady Macbeth von Mzenzk» rehabilitiert.

Ein musikalischer Orgasmus mit Folgen

Schwarz-weiss Portrait Schostakowitsch

Bildlegende: Dmitri Schostakowitsch, einer der bedeutendsten Komponisten Russlands des 20. Jahrhunderts. Keystone

Stalin hatte diese Oper besucht, nachdem sie im damaligen Leningrad und in Moskau bereits zwei Jahre lang sehr erfolgreich auf dem Spielplan gestanden hatte. Er war schockiert: Das Thema – eine Frau, die sich ihre erotischen Wünsche mit allen Mitteln zu erfüllen sucht – war Stalin ein Gräuel.

Tatsächlich: In dieser Oper gibt’s viel Sex, es wird gemordet und vergewaltigt. Schostakowitsch setzt darin sogar einen Orgasmus in Musik, ziemlich eindeutig und vulgär, mit einer rhythmischen Blechbläserband und mächtigem Crescendo. Zu gefährlich, diese ungebändigten Kräfte für eine Diktatur. Stalin verliess die Aufführung in der Pause. Und Schostakowitsch wurde mit dem berühmten Artikel «Chaos statt Musik» in der Prawda gewarnt und lebte fortan in Angst.

Vom Dunkel ins Licht

Schostakowitsch liess seine fast vollendete 4. Sinfonie daraufhin in einer Schublade verschwinden und komponierte die Fünfte. Von Chaos kann hier keine Rede mehr sein: Das Werk ist viersätzig wie eine romantische Sinfonie, einfach aufgebaut mit Rückgriffen auf altbekannte formale Vorbilder, zum Beispiel die Sonatensatzform oder die Scherzoform. Und: Sie führt, wie man das seit Beethoven kannte, «vom Dunkel ins Licht», «per aspera ad astra».

Das Licht, die Erlösung, ist der Schluss: ein glorioser Marsch, mit fortissimo schabenden Geigen, donnernden Pauken, jaulendem Blech. Den Jubel hat Schostakowitsch derart inszeniert, dass es schon fast wehtut. Ätzend, diese Lautstärke, erbarmungslos, diese Achtel, geschunden, die Membran der Pauke unter diesen Quarten-Schlägen. Aber der Erfolg des Werkes war berauschend: Jubelnd erhob sich das Publikum nach der Premiere, öffentlich hiess es, Schostakowitsch sei endlich seine früheren Fehler losgeworden und beschreite einen neuen Weg, werde ein grosser sowjetischer Künstler, seine Sprache sei jetzt klar und einfach.

Echter sowjetischer Jubel oder eine Farce?

Die Frage ist nur: Warum hat das Publikum damals gejubelt? Hat es sich tatsächlich vom Taumel dieses Schusses verführen lassen? Oder hat es intuitiv gemerkt, dass da einer versucht, den Oberen ein Schnippchen zu schlagen, indem er den Jubel zur Farce verkommen lässt?

Bis heute ist nicht restlos geklärt, welche Intention Schostakowitsch mit seinem Schlussmarsch hatte. Man streitet sich auch immer noch über das Tempo dieses Schlusses, das zu Schostakowitschs Zeiten in zwei Versionen veröffentlicht wurde: einer langsamen und einer fast doppelt so schnellen.

Russische Dirigenten wählen bis heute das langsame Tempo, während Leonard Bernstein Ende der 50er die schnelle Version spielte und andere Dirigenten es ihm nachmachten.

Die langsame Version klingt grotesker als die schnelle, wirkt also eher ironisch als die doppelt so schnelle Version. Aber Schostakowitsch selber war bei Bernsteins berühmter Aufführung in New York mit dabei und soll sich gefreut haben.

«Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen», soll Schostakowitsch später gesagt haben. Sicher verbürgt ist das Zitat nicht.

Die 5. Sinfonie von Schostakowitsch bleibt also rätselhaft. Und es ist jeder und jedem selber überlassen, den Schlussmarsch als Triumph des Opportunismus oder als Triumph der Freiheit zu hören.

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