Keith Jarrett spielte sich in Köln den Ärger von der Seele

Er spiele am besten, wenn es ihm schlecht geht, sagt man von Keith Jarrett. So gesehen waren vor 40 Jahren die Voraussetzungen in Köln ideal: Vor dem Konzert lief alles schief. Jarrett verschaffte sich dann auf der Bühne eine tröstliche Stunde. Und dem Publikum einen magischen Abend.

Keith Jarrett (Kleidung und Frisur im Stil der 1970er-Jahre) am Klavier sitzend, den Kopf tief geneigt, die Augen geschlossen.

Bildlegende: Eines der erfolgreichsten Jazzalben aller Zeiten: Ausschnitt aus dem Cover von «The Köln Concert». ECM

Als Keith Jarrett am 24. Januar 1975 in Köln für sein Konzert ankommt, hat er eine ewig lange Autofahrt von Lausanne hinter sich und kaum geschlafen. Die Tontechniker sind schon vor Ort und richten ihr Material ein. Das Konzert ist ausverkauft.

Der falsche Flügel

Der Konzertflügel aber, der auf der Bühne steht, ist ein Irrtum. Zwei Bösendorfer-Konzertflügel gab es damals in Köln, so schreibt Ian Carr in seiner Jarrett-Biographie: einen guten und einen schlechten. Leider hatten die Lieferanten die beiden verwechselt und den minderwertigen Bösendorfer auf die Bühne gestellt.

Jarrett bemerkt das natürlich sofort und verlangt den guten Flügel. Aber dummerweise ist der Lieferwagen, der den falschen Flügel brachte, schon wieder weg. Und auf die Schnelle lässt sich kein anderer auftreiben. Keith Jarrett, erschöpft von der Reise, wirft das Handtuch und verlässt die Bühne. Er möchte wenigstens noch einen Happen essen. Er gerät offenbar in das best-geheizte italienische Restaurant von ganz Köln. Er schwitzt wie ein Pferd, und alle werden vor ihm bedient. Eine Viertelstunde bleibt Jarrett schliesslich, um das Essen hinunterzuschlingen.

Er will einfach nur spielen

Als er im Backstage ankommt, ist er so fix und fertig, dass er die ganze Zeit wegdöst. Man beschliesst, das Konzert nur aufzunehmen, weil die Tontechniker sowieso schon dort und bezahlt sind. Jarrett hält sich mit Schattenboxen wach – und als er schliesslich Platz nimmt vor dem halbseidenen Flügel, ist ihm alles egal.

Er will einfach nur spielen, um die Schlaflosigkeit, den Ärger und den Stress hinter sich zu lassen. Denn das hat er ja immerhin geübt, das ist sein Konzept an seinen Solo-Konzerten: Er versucht seinen Kopf vollständig zu leeren, bevor er auf die Bühne geht. Dann improvisiert er eine Stunde lang frei, spielt, was ihm gerade in den Sinn kommt.

Seit 40 Jahren ein Best-Seller

Das Instrument klingt in den mittleren und tiefen Lagen einigermassen gut, wird in den oberen und hohen Lage aber blechig und dünn. Jarrett bedient intuitiv vor allem das mittlere Register. Das Resultat sind viele rhythmische, tanzbare und transparente Ideen, die sich zu einem genialen Bogen fügen. Um die mühsamen letzten 24 Stunden zu vergessen, schafft sich Jarrett eine tröstliche Stunde Musik. Sein Publikum in Köln und alle, die später das Köln Concert kaufen, sind unmittelbar berührt.

Keith Jarrett selber findet sein Köln Concert nicht so toll. Trotzdem ist es seit 40 Jahren sein absoluter Bestseller. Die Platte ist ein Klassiker und gehörte zu den 1970er-Jahren wie Flokatiteppiche und Patschuli-Duft. Was Jarrett manchmal offenbar sehr ärgert. Aber das ist eine andere Geschichte.

CD-Hinweis

Keith Jarrett: «The Köln Concert». ECM, 1975.