Klassik-Battle: Musiker befreien sich von Zwängen

In Berlin, London und New York ist er längst fester Bestandteil im Nachtleben: der «Location Crossover», bei dem klassische Musik in den Club geht. Nun rückt auch die Schweiz nach: Verschiedene Veranstalter mischen mit neuen Formaten die hiesige Klassikszene auf.

Ein Geiger in Jeans und Turnschuhen streckt lachend einen Geigenbogen in die Höhe

Bildlegende: Befreit von den starren Formen klassischer Aufführungspraxis – Klassik-Battle im Theater Casino Zug. Casino Style

«Casino Style», «tonhalleLATE», «Cube Concerts» oder «YNight» – diese Veranstaltungen haben alle dasselbe Ziel: der Klassik das Make-Up abwischen. Sie tun dies allerdings auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Party im Klassiktempel

Die altehrwürdigen Konzertsäle öffnen ihre Pforten und verwandeln ihre Bühnen in Dancefloors, die Foyers in Chillout-Lounges. Vorreiter in der Schweiz ist die Tonhalle. Vor gut zehn Jahren hat sie die Veranstaltung «tonhalleLATE» ins Leben gerufen. Das Motto: Erst Klassik, dann Club. Um 22 Uhr spielen hochkarätige junge Interpreten wie die Geigerin Julia Fischer ein stündiges Konzert, anschliessend legen im Vestibül die DJs auf.

Beim «Casino Style» in Zug ist das Konzept ganz ähnlich, mit Ausnahme des kultigen Klassik-Battles, der jeweils kurz nach Mitternacht stattfindet. Zwei klassisch ausgebildete Musiker schlagen sich Evergreens der Klassik um die Ohren: Griegs «Bergkönig» trifft auf Dvoraks «Humoresque» und Beethovens «Elise» – die jungen Erwachsenen johlen begeistert.

Classic goes Club

Seit letztem Jahr wird das Feld mit der umgekehrten Strategie von hinten aufgerollt: Die Klassik geht in den Club. Zwar hat die auf Klassische Konzerte in Clubs spezialisierte Berliner «Yellow Lounge» schon Abstecher in die Schweiz gemacht, dass es nun auch hierzulande feste Veranstaltungsreihen gibt, ist neu. In Basel sind das die «Cube Concerts», in Zürich die «YNight».

Beide Veranstaltungen hatten im letzten Oktober ihre Premiere und stecken noch in der Anfangsphase. «Klassik ohne Make-Up» nennt Etienne Abelin seine «YNight», Konzerte ohne Anzug und und die üblichen Rituale.

Der Geiger und Organisator hat seit letztem Herbst vier Veranstaltungen im Club «Blok» durchgeführt. Verschiedene Elemente dominieren jeweils die Nacht: Es gibt zwei bis drei kurze Sets mit klassischer Musik, dazwischen legen DJs auf: es darf auch mal ein Remix von Brahms sein. Das Ganze wird von einem Moderator und Visuals begleitet.

Zwei Akkordeonisten sitzen sich gegenüber, umgeben von stehendem Publikum.

Bildlegende: Umringt vom Publikum: neue Formate sollen mehrheitlich junge Menschen ansprechen. Ilja Tschanen

Offen für Neues

«Viele junge Leute haben klassische Musik auf ihrem iPhones, gehen jedoch nicht in den Konzertsaal, weil ihnen das Setting nicht zusagt», sagt Etienne Abelin. «Wir lösen Klassik aus dem ritualisierten Konzertabend und setzten sie in einen neuen Kontext». Für Etienne Abelin ist der Club dafür der ideale Ort, weil sich Jugendliche dort wohl fühlen. So kann «Klassik alltäglich und zwanglos werden».

Das Korsett sprengen

Für die klassischen Musiker sind Konzerte im Club ein Befreiungsschlag, sagt Etienne Abelin: «Die Interpreten treten in Jeans und T-Shirts auf und entdecken altbekannte klassische Werke neu. Der Umgang mit den Stücken ist rauer, radikaler und unmittelbarer als im Konzertsaal – zwischendurch trinken sie ein Bier.»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Clubmusik im Klassiktempel und Klassik im Nachtclub.

    Clubmusik im Klassiktempel und Klassik im Nachtclub

    Aus Echo der Zeit vom 25.3.2013

    Was in London oder New York schon fester Bestandteil des Nachtlebens ist, etabliert sich nun auch in der Schweiz: «Location Crossover». Allein im März fanden in der Schweiz drei solche Crossover-Veranstaltungen statt, zum Beispiel der Casino Style in Zug.

    Mariel Kreis