Komponist Helmut Lachenmann und sein «Leerer» Luigi Nono

Helmut Lachenmann und Luigi Nono: Ihre Beziehung war eine der intensivsten Künstlerfreundschaften des 20. Jahrhunderts – getragen von grosser Sympathie, Bewunderung, Vertrauen und Kollegialität. Sie war aber auch durchzogen von heftigen Diskussionen, Kontroversen und persönlichen Verletzungen.

Porträt.

Bildlegende: Liess als 21-Jähriger nicht locker, bis Luigi Nono ihn als Schüler nahm: Helmut Lachenmann. Keystone

Helmut Lachenmann und Luigi Nono, zwei der profiliertesten Komponisten unserer Zeit, treffen sich erstmals 1957. Und zwar im «Mekka der Neuen Musik», den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt. Dort ist der 21-jährige Musikstudent Lachenmann derart hingerissen von der Musik des älteren Kollegen, dass er einen Brief schreibt an den «verehrten Herrn Doktor Nono» und ihn darum bittet, sein Schüler werden zu dürfen. Luigi Nono ziert sich erst – er wohne ganz abgeschieden in Venedig und nehme grundsätzlich keine Schüler an. Helmut Lachenmann aber ist hartnäckig und schliesslich stimmt Luigi Nono zu.

Was nun beginnt, ist ein intensiver Austausch. Die beiden Komponisten ringen um Argumente, Positionen und um eine neue Ästhetik. Der junge Helmut Lachenmann stürzt in schwere Krisen. Der Unterricht bei Luigi Nono ist eine Art Generalangriff auf alles, was er bisher gelernt hat: auf sein Wertesystem, aber auch auf seine Persönlichkeit. Lachenmann musste all dies entleeren und spricht deshalb von Luigi Nono als «Leerer». Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als durch alle Höhen und Tiefen hindurch seinen Weg zu suchen – einen Weg, der um vieles radikaler sein sollte als derjenige Luigi Nonos.

Reflexion oder Rebellion?

Mit den Jahren entfremden sich die beiden aber zunehmend voneinander. Luigi Nono, seit langem Mitglied bei den italienischen Kommunisten, engagiert sich zunehmend politisch und ergreift vehement Position gegen den Kapitalismus, den Vietnamkrieg, die Ausbeutung. Für Helmut Lachenmann hingegen liegt die einzige Möglichkeit einer politisch wirksamen Musik im Appell an kritische Wahrnehmung und Reflexion.

Porträt.

Bildlegende: Luigi Nono radikalisierte sich ab den 70er-Jahren zunehmend (Juli 1979). wikimedia/Nationaal Archief

Er nabelt sich von seinem Lehrer ab, empfiehlt ihm, zwischen den Zeilen, mehr theoretische Reflexion und schreibt selbstbewusst: «Der einzige Komponist in Deutschland, der weitergeht, ist: Dein Elmo.» Luigi Nono wiederum sagt schroff, das alles sei ihm zu intellektuell und er diskutiere nur noch mit Studenten und Arbeitern.

Luigi Nono will die Revolution, Helmut Lachenmann die Reflexion. 1970 kommt es zum grossen Zerwürfnis, danach herrscht jahrelang Funkstille zwischen den beiden Männern. Erst in den 1980er-Jahren treffen sie sich wieder, schaffen es dann aber, eine tiefe Freundschaft zu entwickeln, in der einer den anderen gelten lassen kann.

Buchhinweis

Rainer Nonnenmann: «Der Gang durch die Klippen. Helmut Lachenmanns Begegnungen mit Luigi Nono anhand ihres Briefwechsels und anderer Quellen 1957-1990.» Breitkopf und Härtel, 2013.

Sendung zu diesem Artikel