«Komponistinnen haben es heute sicher einfacher als Fanny Hensel»

Margrit Schenker ist eine der originellsten Komponistinnen der Schweiz. Ihre Werke werden weltweit aufgeführt. Dennoch ist sie nur Insidern der E-Musik-Szene bekannt. Vielleicht, weil sie eine Frau ist? Möglich wäre es. Komponistinnen haben noch immer keinen leichten Stand in der Musikwelt.

Mitten in Zürich, in einem schmucklosen Mehrfamilienhaus wie es Tausende gibt, macht eine kleine, muntere Frau die Türe auf. Kurze Haare, kecker Blick. Von Glamour keine Spur. Bescheiden ist ihre Wohnung, kleine Zimmer, kleiner Gartenanteil. Das Wohnzimmer dominieren ein Klavier und ein E-Piano – «wegen der Nachbarin.»

Margrit Schenkers Weg zur Komponistin verlief eher zufällig. Als Jugendliche spielte sie gerne Klavier, hatte Talent und einen guten Lehrer und fand sich alsbald an einem Konservatorium wieder. Die Karriere als Konzertpianistin schien eine ausgemachte Sache. Bis sie eine schwere Krise dazu brachte, den eingeschlagenen Weg zu überdenken und schliesslich zu verlassen. So kam sie zur Improvisation, die Erlösung und Grundstein zugleich war. Dann wurde sie zur Komponistin – die wie die meisten Komponistinnen vom Unterrichten lebt. Ein steiniger Weg.

SRF: Frau Schenker, was hat sich verändert am Komponistinnen-Dasein seit Fanny Hensel (Anm. d. Red.: Schwester von Felix Mendelssohn, die auch komponierte, aber keine Noten veröffentlichen durfte)?

Margrit Schenker: Vor allem in den letzten 50 Jahren ist einiges passiert punkto Situation der Frau in der Kulturszene. Wir haben's heute sicher einfacher als Fanny Hensel. Es ist allerdings nach wie vor so, dass es noch zu wenig Dirigentinnen und Komponistinnen gibt.

Und weshalb gibt es so wenige Komponistinnen?

Das mag an der Förderung liegen. Es braucht eine gezielte Förderung, so dass die Frauen das Gefühl kriegen: «Ja, das kann ich!» Es braucht aber auch Vorbilder – für mich waren Vorbilder richtungsweisend. Die heute 83-jährige Pauline Oliveros in den USA hat aktiv Frauenförderung betrieben und die Wichtigkeit betont, dass ganz besonders Frauen sich kreativ betätigen.

Ein weiteres Vorbild für mich war Irène Schweizer, ich nahm Improvisationsunterricht bei ihr. Ich war sehr beeindruckt, wie direkt Irène Schweizer ihren Weg ging und geht, weder links noch rechts schaut.

Wo steht die Komponistin heute?

Porträt von Margrit Schenker.

Bildlegende: Margrit Schenker: «Es ist nach wie vor so, dass es noch zu wenig Dirigentinnen und Komponistinnen gibt.» Margrit Schenker

Vieles ist selbstverständlicher geworden. In den Schulen wird heute mehr Komposition unterrichtet, die Schüler der Schule, an der ich unterrichte, zum Beispiel müssen komponieren. So realisieren Jugendliche bereits, dass Komponieren durchaus machbar ist. Auf diese Weise kommen die jungen Leute bereits auf den Geschmack. Das gab’s zu meinen Zeiten noch nicht. Aber es braucht dennoch weitere Jahrzehnte, bis Komponistinnen genau gleich behandelt werden wie Komponisten.

Wo hapert es noch mit der Gleichberechtigung?

Der Schweizerische Tonkünstlerverein organisiert dieses Jahr ein Konzert mit Uraufführungen von elf Künstlern. Darunter keine einzige Frau! Das ist echt schade!

Warum haben Sie diesen nicht ganz einfachen Weg gewählt?

Ich habe mir nie bewusst vorgenommen: So, jetzt wirst du Komponistin. Das war ein schleichender Prozess. Erst machte ich die klassische Ausbildung zur Pianistin mit Konzertdiplom. Durch eine persönliche Lebenskrise wandte ich mich andern Arten von Musik zu, entdeckte das Akkordeon für mich. Ich mietete ein kleines, rotes Akkordeon und fing an zu improvisieren. Herrlich, wie man damit herumgehen kann! Wir haben in Frauengruppen experimentiert, im Wald gespielt, einfach lustvoll alles ausprobiert.

Dank meiner zwei Vorbilder bin ich weitergekommen. Habe freie, ungewöhnliche Menschen kennengelernt, mein Horizont hat sich so unglaublich erweitert.
Ich ging für ein Jahr nach Amerika zu Pauline Oliveros, habe da viel improvisiert, mir Notizen gemacht. Eines Tages kam Pauline, sah meine Notizen und meinte: «Well, this looks like a score!» (Das sieht ja wie eine Partitur aus!). Ich habe dann angefangen aufzuschreiben.

Am Ende hatte ich «Fifty Songs» komponiert und die dann auch in der Schweiz aufgeführt – ein Einfrauenstück für Akkorden, Gesang und Bewegung. Es ist auf Karten notiert, das Publikum muss eine Karte ziehen, und ich führe dann aus, was draufsteht. Die Reaktionen waren gemischt. Einige fanden's blöd... (Margrit Schenker lacht herzlich)

Wie kommen Sie zu Aufträgen?

Ab und zu werde ich direkt von Musikerinnen und Musikern kontaktiert. Zum Beispiel meine Mini-Oper «Bazaar» war ein Auftrag aus Ljubljana. Öfter stelle ich mir aber selbst eine Aufgabe – ich lese Gedichte, die mich packen und inspirieren. Dann beginne ich, diese Gedichte zu vertonen, suche die Gelder selbst, den Aufführungsort, bezahle die ausführenden Künstler, mache vielleicht auch noch selbst mit. Das ist manchmal schon ein «Krampf», aber es macht auch riesigen Spass.

Können Sie vom Komponieren leben?

Es gibt in der Schweiz nur ganz wenige Frauen und Männer, die das können, ich gehöre nicht dazu. Die meisten unterrichten wie ich; etwas weitergeben, was man sich erarbeitet hat und vielleicht sogar Vorbild sein. Das ist doch auch gut!

Was will man eigentlich als Komponistin? Was ist Ihre Triebfeder?

Von Hand geschreibene Musiknoten.

Bildlegende: «Öfter stelle ich mir selbst eine Aufgabe: Ich lese Gedichte, die mich packen und inspirieren.» 3sat

Es ist der gleiche Impuls wie Improvisieren, nur dass Improvisieren natürlich flüchtiger ist. Auf der Orgel spiele ich eine Mischform, ich nenne sie «Instant Composing». Wir haben ja einen Pool von Vorstellungen und Klängen und Möglichkeiten in uns, daraus schöpfe ich. Improvisation bedeutet immer: Das Stück ist Vergangenheit, sobald es gespielt ist. Komponieren hingegen ist immer ein langsamer, langwieriger Prozess; man notiert, verwirft, überlegt, streicht durch, beginnt wieder von vorne. Dass dabei auch etwas entsteht, das weiterlebt, auch wenn ich nicht mehr lebe, kümmert mich allerdings überhaupt nicht!

Was mich beim Komponieren jedes Mal packt, ist der Moment, wo man sein Werk, mit dem man monatelang alleine war, plötzlich hört, zum Beispiel von einem Chor gesungen: Das ist ein unglaublich schöner Moment!

Einige Ihrer Werke werden vom Furore Verlag herausgegeben, dem weltweit einzigen Verlag, der nur Werke von und über Frauen herausgibt. Braucht es heute noch einen Frauenverlag?

Der Furore Verlag ist für mich sehr wichtig, als Plattform und zur Vernetzung. Wenn jemand z.B. in Schweden gezielt etwas von Frauen aufführen möchte, wendet er sich an den Furore Verlag. So bin ich auch zu Aufträgen gekommen, aktuell zum Beispiel eine Vertonung von Texten der Schweizer Schriftstellerin Elisabeth Wandeler-Deck für das «Visby Centre for Composers» auf der Insel Gotland. Im Internet nach Komponistinnen zu suchen ist weitaus schwieriger, weil diese immense Flut an Informationen ja manchmal eher verwirrt.

Networking ist wichtig, auch und gerade in diesem Beruf. Wie gut sind Frauen darin?

Eine schwierige Frage. Ich sehe schon diverse Bemühungen, zum Beispiel fanden im schwedischen Uppsala Konzerte mit Werken nur von Frauen statt. Oder in Basel, wo dieses Jahr am internationalen Tag der Frau ebenfalls Werke von Komponistinnen aufgeführt werden.

Zusammenarbeit kennt man weniger, aber man gibt sich Tipps für Aufführungsorte oder Möglichkeiten, Geld zu generieren. Konkurrenzverhalten gibt es bei Frauen und Männern. Nur dass die Männer alles sportlicher nehmen. Wir Frauen sind eher persönlich beleidigt, wenn wir in Frage gestellt werden. Da können wir noch zulegen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei 3sat.de