Krzysztof Penderecki: «Die Musik ist in meine Richtung gegangen»

Er ist der bekannteste lebende Komponist Polens und war seit jeher ein Sonderfall: beliebt beim Publikum, verachtet von weiten Kennerkreisen. Jetzt feiert Krzysztof Penderecki seinen 80. Geburtstag.

Krzysztof Penderecki im Zuschauerraum des Teatr Wielki in Warschau.

Bildlegende: Krzysztof Penderecki, hier in der polnischen Nationaloper in Warschau, ist einer der wichtigsten Komponisten unserer... Keystone

Es war im Jahr 1959 beim zweiten Warschauer Wettbewerb Junger Polnischer Komponisten: Als die Juroren die Couverts zu den drei besten der anonym eingereichten Partituren öffneten, fanden sie überall denselben Namen: Krzysztof Penderecki. Rasch verbreitete sich der Ruf des damals 26-Jährigen. Penderecki hatte damals gerade seine Studien beendet und in seiner Heimatstadt Krakau eine Professur für Komposition angetreten. Plötzlich war er der Shooting Star der sich ohnehin in Aufbruchstimmung befindlichen jungen polnischen Komponistenschule.

Penderecki bestätigte die ersten Urteile ziemlich schnell auch auf internationalem Parkett. Im folgenden Jahr wurde sein Stück «Anaklasis» mit seinen bruitistischen Klangflächen erfolgreich bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt. Zahlreiche Aufträge folgten.

Skandal-Oper «Die Teufel von Loudun»

Komponist Krzysztof Penderecki.

Bildlegende: Penderecki wurde u.a. mit dem Preis des Internationalen Musikrates/Unesco und dem Grammy ausgezeichnet. Keystone

Mit seiner Oper «Die Teufel von Loudun» – sie handelt von sexbessenen Nonnen – landete er einen Skandal, vor allem aber rüttelte er mit seiner «Lukas-Passion» auf, die 1966 im Dom zu Münster uraufgeführt wurde. Das Werk gewann der zeitgenössischen Musik nicht nur zahlreiche neue Hörer hinzu. Es erreichte auch die angestrebte politische Wirkung, denn es ging Penderecki darum, auf die Unterdrückung der katholischen Kirche im kommunistischen Polen aufmerksam zu machen.

Spätestens da war er einer der bekanntesten, ja populärsten Komponisten der Avantgarde, allerdings auch schon einer der umstrittensten, denn auf manche wirkte sein Komponieren zu oberflächlich. Penderecki liebte düstere Klangflächen, wie sie schon bald von der Filmmusik übernommen wurden, und er verstand sich auf Effekte.

Penderecki provozierte weiter

So schieden sich die Geister bald an ihm – und es kam noch ärger, denn Penderecki provozierte weiter. Zum einen wandte er sich vermehrt religiösen Themen zu und schrieb ein jubelndes «Te Deum», als sein Landsmann Karol Wojtyla zum Papst gewählt wurde. Zum anderen wandte er sich von der Avantgarde ab und einer tonalen und spätromantisch gefärbten Musik zu.

Sein Violinkonzert von 1976/77 klang äusserst süffig und war ein markantes Werk im Paradigmenwechsel, den die Neue Musik in den späten 1970er Jahren ohnehin vollzog. Während andere Neuerungen (zum Beispiel der französische Spektralismus oder die Neoromantik junger deutscher Komponisten) durchaus diskutiert und rezipiert wurden, wurde Penderecki als «Verräter der Avantgarde» abgestempelt – ein Ehrentitel, den er gern zitierte. Dabei wies er stets darauf hin, er habe – im Gegensatz zu seinen dilettierenden Kollegen – sein Handwerk gründlich erlernt.

Beliebt und verachtet

So fühlte er sich, wie im er im SRF-Interview erklärt, selbstbewusst von der Weiterentwicklung der Musik bestätigt: «Ich war immer in der ersten Reihe. Und die Musik ist in meine Richtung gegangen. Wer nicht in meine Richtung gegangen ist, ist schon vergessen.»

Seither war er ein Sonderfall: Beliebt beim Publikum, verachtet von weiten Kennerkreisen. Mittlerweile ist es etwas ruhiger um ihn geworden, weitere Sinfonien sind entstanden, etwas ungleich in der Ausgestaltung, aber durchaus wirkungsmächtig und pathetisch komponiert, daneben aber vor allem gekonnt ausgearbeitete Kammermusik. Eine «Johannes-Passion» ist geplant, anders als die erste, denn «die Religion bedeutet mir weniger als damals».

Penderecki sammelt heute Bäume

Penderecki reist häufig und widmet sich mit Vorliebe seinem Arboretum, das er auf seinem Landsitz bei Krakau hat: 1500 Baumsorten sind dort versammelt; er brauche vier Stunden, um diesen Garten zu durchwandern.

Von den Bäumen, die für ihn ein «Symbol des Lebens und der Vergänglichkeit» sind, handelt seine 8. Sinfonie. Wird er sein Arboretum vielleicht einmal dem Publikum zugänglich machen? Jetzt noch nicht, sagt Penderecki: «Wissen Sie, ich bin ein bisschen eifersüchtig.»

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