Lauren Newton – Klangforscherin mit der Stimme

Die amerikanische Sängerin Lauren Newton verblüfft mit überraschenden Klängen. Einen weissen Kittel hat sie zwar nicht an. Aber was sie mit ihren Stimmbändern anstellt, das bedingt schon einiges an Arbeit im Klanglabor.

Die Sängerin Lauren Newton singt in ein Mikrofon.

Bildlegende: Die Sängerin Lauren Newton entlockt ihren Stimmbändern verblüffende Töne. Joerg Becker

Wer selbst mal versucht, extreme Dinge mit seiner Stimme zu machen, wird schnell feststellen, dass dies eine ziemlich übungsintensive Sache ist. «Don’t try this at home» heisst es oft im amerikanischen Fernsehen. Und das gilt mit Sicherheit auch für die Kunststücke, die Lauren Newton mit ihrer Stimme anstellt. Da kann man auf CD oder im Konzert Sachen hören, die sich im ersten Moment gar nicht zuordnen lassen – jedenfalls nicht zu einer menschlichen Stimme.

Filigrane Töne und monströse Klangkaskaden

Um die Töne kontrolliert produzieren und im entscheidenden Moment präzise abrufen zu können, muss die Sängerin ein ziemlich sportliches Programm auf sich nehmen – was man ihr übrigens auch jederzeit attestieren würde. Lauren Newton ist gertenschlank und topfit. Sie wirkt geradezu zierlich und die vielen filigranen Klänge, die sie aus ihren Stimmbändern herausholt, bringt man problemlos mit ihr in Verbindung. Wenn sie dann aber im nächsten Moment monströse Klangkaskaden von sich gibt, kriegt dieses Bild schnell Risse und bröckelt.

Lauren Newton ist nicht nur eine brillante Sängerin, klassisch geschult und als ausgebildete Komponistin mit allen Wassern gewaschen; sie hat auch eine Bühnenpräsenz, die immer wieder für Überraschungen sorgt.

 Was ist denn das für ein Bläsersatz?

Als Sängerin mit dem Vienna Art Orchestra war sie einerseits Solistin vor einem Bläserapparat, der im wahrsten Sinne des Wortes viel Wind machte. Als Mitglied dieses Bläsersatzes verhalf sie dem VAO aber auch zu einem ganz speziellen Sound. Ihre Stimme verschmolz geradezu mit den Trompeten oder den Saxophonen in den höheren Lagen. Die Phrasierung war so perfekt auf die Instrumentalisten abgestimmt, dass man sie als Stimme im ersten Moment nicht einmal wahrnahm. Kurz darauf fragt man sich erstaunt, wie denn eigentlich dieser Bläsersatz zusammengesetzt ist.

Den Swing und den Drive dieses phänomenalen Orchesters verstand Lauren Newton auf eine sehr musikalische Art zu brechen und zu konterkarieren. Der Komponist und Orchesterleiter Mathias Rüegg verschaffte ihr Freiraum. Und sie nutzte diesen, um ihr ganzes Arsenal an Stimmtechniken und Klangexperimenten auszubreiten.

«Who is Who» der Jazzavantgarde

Seit Anfang der neunziger Jahre ist das Experimentieren zu ihrer Hauptarbeit geworden. In unzähligen Klein- und Kleinstformationen, aber auch als Solistin, improvisiert Lauren Newton vor allem in freien Kontexten.

Die Liste ihrer Bühnenpartnerinnen und -partner liest sich dabei wie ein Who's who der zeitgenössischen Jazzavantgarde. Mit Anthony Braxton, Joelle Léandre oder Urs Leimgruber hat Lauren Newton zusammengearbeitet und Musik gemacht, die sich sämtlichen Kategorien schon fast systematisch entzieht.

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