«Le Sacre du Printemps» – eine musikalische Atombombe?

Die Uraufführung von Igor Strawinskys Ballett vor 100 Jahren gilt als der grösste Skandal der Musikgeschichte. Stimmt das tatsächlich – oder war schon damals gewieftes Marketing in eigener Sache dahinter?

Aufführung des Balletts «Le Sacre du Printemps» an der Oper in Leipzig: Frauen in hautfarbenen Anzügen, die sich in Opferposition aufstellen.

Bildlegende: Heutzutage kein Skandal mehr: Aufführung des Balletts «Le Sacre du Printemps» an der Oper in Leipzig, 2003. Keystone

Das neue Konzerthaus in Paris, das «Théâtre des Champs-Élysées», ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die Pariser Elite ist zusammengekommen an diesem 29. Mai 1913, in Frack und wallenden Abendroben. Hinzu fügen sich Studenten sowie Frauen und Männer aus der Halbwelt, denn ein Grossereignis steht an: Die berühmt-berüchtigte Tanztruppe «Ballett Russe» mit dem noch berühmteren und noch berüchtigteren Choreografen Vaslav Nijinsky präsentiert ein neues Ballett – «Le Sacre du Printemps» von Igor Strawinsky.

Pfiffe, Schläge, Schreie

Kaum hat das Orchester die ersten Töne gespielt und haben die Tänzer die ersten Schritte gestampft, bricht ein Tumult sondergleichen aus: Pfiffe und Buhrufe, sogar Handgreiflichkeiten. Eine elegant gekleidete Dame ohrfeigt einen jungen Mann, der sich anschliessend wie ein Äffchen in die nächste Loge hinüberschwingen soll. Zertrampelte Zylinder, schiefe Diademe. Der Lärm übertönt die Musik. Und als zum Schluss des Werkes die Primadonna sich in zuckende Ekstase tanzt, kreischt eine Dame: «Ein Arzt, ein Arzt!» Eine «musikalische Atombombe» ist eingeschlagen, wie es ein Journalist später beschreiben wird.

Warum die Empörung?

Um 1900 herrscht Aufbruchsstimmung: Skandal folgt auf Skandal. In der Kunst, auf der Bühne, auf Leinwänden, in Büchern. Und im Konzertsaal. In der Musik sind es die jungen Wilden um Arnold Schönberg, die die wohlklingenden Harmonien hinter sich lassen und mit ihren atonalen Werken das konservative Wiener Konzertpublikum aufrütteln.

Und in Paris ist es eben Igor Strawinsky mit seinem «Sacre du Printemps» – ein perkussives und melodiearmes Werk. Exzessive Rhythmen, unzählige Taktwechsel, durchtränkt mit Akkordrepetitionen. Und dann ist da noch die barbarische Handlung: Opfermord lautet die Devise – ein Mädchen tanzt sich in den Tod, um die Götter gnädig zu stimmen für die Fruchtbarkeit des Bodens.

Ein Skandal-Garant muss her

Sein Ballett ist das Beispiel schlechthin, wenn es um die Zutaten für einen Skandal geht. Denn Sujet und Musik sind nicht die einzigen Ingredienzien. Sergej Diaghilew, Manager des «Ballet Russe», hat auf einen Skandal gepokert. Eine riskante Saison hat er hinter sich, und er will mit seiner Gruppe unbedingt nach Amerika. Als gewiefter Geschäftsmann sorgt er für Aufmerksamkeit: Er kauft einen Teil der Plätze und lädt Studierende, Künstler und Anhänger ein, um der erwarteten Empörung des Publikums mit Jubelschreien entgegenzuhalten.

Und er lässt das Ballett vom Garanten für Skandale und seinem Lover choreografieren: Vaslav Nijinsky. Der macht seine Arbeit gut, choreographiert ohne Spitzentanz, ohne Quadrille – er lässt seine Tänzer stampfen. Diaghilew ist begeistert: «C’était exactement ça, ce que je voulais!»

Eine zweite, etwas andere Geschichte

Der Clou am ganzen Jahrhundert-Skandal: So tumultartig war er gar nicht. Unser heutiges Bild ist geprägt durch die blumige Erzählung des französischen Schriftstellers, Malers und Regisseurs Jean Cocteau. Dieser besuchte die Uraufführung, hat aber erst viele Jahre später den Skandal beschrieben, getränkt mit phantastisch wilden Erfindungen – einerseits ist es ja chic, an einem solchen Ereignis dabei gewesen zu sein. Andererseits hoffte Cocteau, sich wieder ins Gespräch zu bringen.

Die einzige überlieferte Quelle unmittelbar nach dem Skandal, Harry Graf Kessler, erzählt eine etwas andere Geschichte. Das Werk sei von einer neuen Art von Wildheit, habe durchaus etwas Packendes. Es habe schon ein bisschen rumort im Konzertsaal, aber: Das Werk soll auch frenetischen Beifall geerntet haben – in dem sich Igor Strawinsky suhlen konnte.

Der Skandal ist verewigt

Seine Version ist aber kaum mehr im Umlauf. Dagegen sind Klatsch und Tratsch wie auch die übertriebene Geschichte von Jean Cocteau verewigt – in Musikgeschichtsbüchern und in Filmen wie «Coco Chanel & Igor Stravinsky».

Die Uraufführung von «Le Sacre du Printemps» war zweifelsohne ein Skandal, aber nicht in dem Umfang, wie es Cocteau beschreibt. Aber dennoch ein Skandal, den Igor Strawinsky berühmt machte, und seinem Werk in keinerlei Hinsicht geschadet hat – im Gegenteil.

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