On the Wild Side Lou Reed – fast immer seiner Zeit voraus

Lou Reed hatte eine Vorliebe für das Abgründige und Avantgardistische. Heute wäre er 75. Wir blicken zurück auf sechs Stationen eines Lebens voller neuer Entwürfe.

Lou Reed Graffiti.

Bildlegende: Unsterblich als Ikone: Lou Reed, hier als Graffiti verewigt. Flickr/Thierry Ehrmann

Wer kennt sie nicht, die ersten Takte von «Walk on the Wild Side»? Mit diesem Song hat sich Lou Reed schon in den 1970er-Jahren unsterblich gemacht. Mit einem Text, der mit seinen vielen sexuellen Anspielungen der damaligen Zeit weit voraus war.


Auschnitt: Das Intro

0:24 min, aus Jazz Collection vom 24.03.2017

Was dieser Riesen-Hit manchmal vergessen lässt: Lou Reeds war in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus. Er deutete quasi ständig aus einer künstlerischen Zukunft in die Gegenwart – gerne auch mit dem Mittelfinger.

Die Doppelmoral entlarven

Lou Reeds Texte sind häufig voll von Homosexuellen, Transmenschen, Fetischisten und Prostituierten. Er hatte nie Hemmungen, auf die Doppelmoral der prüden US-amerikanischen Bürger zu zeigen und ihre geheimen Wünsche anzusprechen.

Lou Reed 1977 mit Ledermantel und Pistole

Bildlegende: Im Ledermantel gegen Prüderie: Lou Reed 1977. Mick Rock/Wikimedia

Und das in den 1960er und 1970er-Jahren, also in einer Zeit, in der in den USA Sodomie (als Sammelbegriff für «sündiges Sexualverhalten») noch kurz zuvor ein Kapitalverbrechen war. Und Homosexualität noch lange unter Strafe stehen wird.

Ein Punk vor seiner Zeit

«The Velvet Underground», die Band um Lou Reed und John Cale, liebten provokative Auftritte. Nichts mit Love and Peace und Flower-Power. Harte und düstere Themen, und wilde Performances im Rahmen der Factory von Andy Warhol.

In der Zeit, in der die Hippie-Bewegung im vollen Gange war und die revolutionäre Jugend in bunten Kleidern die Welt umarmen wollte, bevorzugte Lou Reed schwarze Leder-Klamotten und trieb mit seiner Überheblichkeit alle Journalisten zur Verzweiflung.

Der Zwist mit Nico

Kommt dazu, dass «The Velvet Underground» eine Frontfrau hatten: Nico, aka Christa Päffgen, ein deutsches Supermodel, das umwerfend aussah. Aber leider nicht singen konnte. Aber das machte nichts, alle wollten Nico sehen.

Lou Reed und Nico

Bildlegende: Vor der Krise: Lou Reed und Nico, 1966 im Studio. Flickr/Nico7Martin/SteveSchapiro

Sie war die Femme Fatale, die nicht nur verantwortlich war für eine der grössten Krisen in Lou Reeds Leben (als sie ihn nämlich vor der versammelten Factory-Szene fallen liess und übel beschimpfte), sondern auch den Dilettantismus des Punk-Rock vorwegnahm.

Geräusche als Musik

Mit seinem Solo-Album «Berlin» hatte Lou Reed keinen Erfolg. Was ihn so enttäuschte, dass er als Folge-Album etwas radikal Anderes produzierte – sei es aus Protest oder in genialer Weitsicht: Das Album «Metal Machine Music». Eine Stunde lang nur Gitarren-Rückkoppelung, verzerrte-Soundflächen, Lärm: 1975 eine pure Provokation. Gleichzeitig aber ein erster Vorläufer von musikalischen Bewegungen wie Industrial oder Noise.

Lou Reed 1993 bei einem Konzert

Bildlegende: Lou Reed, hier 1993, legte Wert auf Texte – und damit einen Grundstein für den Rap. Keystone

Rock am Übergang zum Rap

Nein, Lou Reed ist nicht der Erfinder des Rap. Aber in seiner Musik kamen «spoken words» schon sehr früh vor. Titel wie «The Black Angel’s Death Song» sind schon in einer Art Sprechgesang, das war 1967.

Und in «The Gift» (auf dem Album «White Light / White Heat») erzählt John Cale, der Mitbegründer von The Velvet Undground, acht Minuten lang eine Kurzgeschichte von Lou Reed zu einem Rock-Soundtrack.

Das war 1968, also zwei Jahre vor Gil-Scott Herons Debütalbum mit dem Song «Whitey on the Moon», der als einer der Vorläufer des Rap gilt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Jazz Collection, 21.03.17, 21 Uhr

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