«Mama Africa» lebt noch heute

Miriam Makeba hat immer wieder Missstände im Umgang mit der schwarzen Bevölkerung benannt und musste dafür über 30 Jahre ihres Lebens im Exil verbringen. Ihre Unbeugsamkeit und ihre Musik machen die Sängerin noch heute zu einer Ikone der Freiheitsbewegung, auch für junge afrikanische Künstlerinnen.

Miriam Makeba in einer s/w-Aufnahme vor dem Mikrofon in einem eleganten Kleid und ganz kurzen Haaren.

Bildlegende: «Ihrer erotischen Ausstrahlung konnte sich damals fast niemand entziehen»: Miriam Makeba als junge Sängerin. Jürgen Schadeberg

«Miriam Makeba hat uns mit ihrem Kampf für Gleichheit Türen geöffnet. Sie war eine der ersten Künstlerinnen, die ins Ausland ging und Südafrika der Welt näher brachte. Diese Wirkung besteht heute noch, ohne sie wären wir vielleicht nicht hier in Zürich.» Das sagen die beiden südafrikanischen Choreografinnen und Tänzerinnen Chuma Sopotela und Mamela Nyamza, die gerade ihre Produktionen am Zürcher Theaterspektakel gezeigt haben.

Tatsächlich kämpfte die 2008 verstorbene südafrikanische Sängerin Miriam Makeba ein Leben lang gegen Rassendiskriminierung. Dafür musste sie in Kauf nehmen, dass sich viele Türen für sie schlossen: Als junge Sängerin trat sie 1957 im Anti-Apartheid-Film «Come Back Africa» auf und war bei der Präsentation an den Filmfestspielen in Venedig dabei. Als sie nach Südafrika zurückkehren wollte, erklärte man ihren Pass für ungültig und verwehrte ihr die Einreise.

Unermüdliches Anprangern lebensunwürdiger Zustände

Mamela Nyamza blickt in einen Spiegel und fährt über ihren kahlgeschorenen Kopf, dabei trägt sie ein Männersacko.

Bildlegende: Mamela Nyamza in ihrem Solostück «Trauer», das sie am Theater Spektakel im Rahmen der «Short Pieces» zeigt. ZTS Christian Altorfer

Sechs Jahre später sprach sie als erste südafrikanische Künstlerin vor der Uno und forderte einen Boykott Südafrikas – in ihrer ganz eigenen Manier: mit etwas leiser und schüchterner Stimme, aber messerscharfen Worten. Und als sie 1968 den Black Power-Aktivisten Stokely Carmichael heiratete, wurden von einem Tag auf den anderen alle ihre geplanten Konzerte abgesagt und Plattenverträge gekündigt. Wieder musste sie sich quasi über Nacht eine neue Heimat suchen.

Ihr Exil verbrachte Makeba vor allem in Guinea und Belgien, sie besass schliesslich Reisepässe von neun Ländern. Und sie nahm weiterhin kein Blatt vor den Mund, wenn es um die unmenschlichen Lebensumstände der schwarzen Bevölkerung ging; wobei sie nicht nur ihr Heimatland, sondern auch die USA meinte. Das Regime am Kap blieb umso härter und verwehrte ihr die Staatsbürgerschaft weiterhin. Erst 31 Jahre später, nachdem Nelson Mandela aus der Gefangenschaft entlassen wurde, durfte sie wieder in Südafrika einreisen.

Kometenhafter Erfolg

Ihr Aufstieg zum Star hätte steiler kaum sein können: Die ersten sechs Monate ihres Lebens verbrachte sie mit ihrer Mutter im Gefängnis, weil diese illegal gebrautes Bier verkauft hatte. Sie wuchs in einem Township in der Nähe von Johannesburg auf und musste die Schule abbrechen, um Geld zu verdienen. Schon früh sang sie im Schul- und Kirchenchor und verschiedenen Bands und wurde von der Jazzband «Manhattan Brothers» entdeckt, damals die bekanntesten Musiker Südafrikas.

So kam sie zum erwähnten Auftritt im Film «Come Back Africa» und gründete das Frauentrio The Skylarks, das in ihrer Heimat für ziemliche Furore sorgte. Erste grosse Erfolge stellten sich ein, sie trat im renommierten New Yorker Club Village Vanguard auf, Harry Belafonte wurde auf sie aufmerksam und nahm sie unter seine Fittiche, dann ging alles sehr schnell.

In ihren Liedern vermischte sie afrikanisches Liedgut mit Pop, sie interpretierte aber auch Jazzstandards oder Songs in Spanisch, Portugiesisch oder Französisch. Vor allem ihre beiden Alben «An Evening With Belafonte/Makeba» und «Pata Pata» mit dem gleichnamigen Tanzlied machten sie in den 1960er Jahren weltberühmt.

Die Macht der Musik

Richard Butz, der an der Jazzschule St. Gallen gelehrt hat und lange in Afrika Konzerte organisierte, hat Miriam Makeba mehrfach live erlebt. Er erklärt ihren überwältigenden Erfolg so: «Diese Mischung aus mitreissender Bühnenpräsenz und politischem Engagement kam damals genau zum richtigen Zeitpunkt. Ihrer erotischen Ausstrahlung konnte sich fast niemand entziehen. Gleichzeitig begann eine gewisse Afrika-Welle anzurollen, man interessierte sich immer mehr für südafrikanische Musik; ebenso erwachte ein schwarzes Bewusstsein.»

Feya Faku spielt Trompete und trägt einen Kopfhörer, halbnahe Aufnahme, s/w.

Bildlegende: Der südafrikanische Trompeter Feya Faku während einer CD-Aufnahme im Studio des Basler Musikerwohnhauses. Alain Schmucki, izaradesign.com, 2013

So wurde ihre «vermeintlich unauffällige Musik» schnell sehr mächtig, wie Abigail Kubeka, Mitglied der Frauenband Skylarks, erzählt: Denn immer mehr Menschen auf der ganzen Welt erfuhren so von der Situation in Südafrika. Das machte Miriam Makeba schon in jungen Jahren zu «Mama Africa», zur Stimme Südafrikas in der ganzen Welt und zu einer Galionsfigur im Kampf gegen die Rassendiskriminierung.

Eintreten für ein neues Denken

Ihre Befreiungs-Botschaft entfaltete ihre Wirkung auch in ihrem Heimatland selber. Der südafrikanische Jazztrompeter Feya Faku beschreibt es heute so: «Ich bin wie Miriam Makeba in einem Township in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen. Musik zu hören war damals wie eine Therapie und Miriam Makebas Musik und ihre Stimme machten auf mich einen enormen Eindruck. Ich hörte ihre Songs zusammen mit meinen Brüdern und Schwestern, das brachte unser politisches Bewusstsein erst recht zum Erwachen.»

Was verbindet junge südafrikanische Künstlerinnen heute mit Miriam Makeba? Die Choreografin und Tänzerin Mamela Nyamza: «Miriam kämpfte für ein neues Denken, für die Idee der Freiheit. Auch ich kämpfe in meinen Stücken darum, dass neue Gedanken akzeptiert werden und man nicht in den immer gleichen Mustern verharrt. Beispielsweise wird das konventionelle Theater in Südafrika nach wie vor von weissen Männern dominiert, die in ewigen Klischees stecken und Schwarze immer noch als gewalttätig zeigen.» Künstler, die nicht mehr die hundertfach vorgetragenen Geschichten erzählen wollen, fänden in Südafrika keine Anerkennung und Förderung. Auch sie sei gezwungen, ausserhalb von Südafrika künstlerisch tätig zu sein und so in einer Art Exil zu leben.

Die Tänzerin Chuma Sopotela vor einem Bild einer nackten Frau von hinten. Sie trägt schwarze Fahrradhosen, einen schwarzen BH und Schuhe, deren so hohen Absatz sie von vorne wie Ballettschuhe aussehen lassen.

Bildlegende: Chuma Sopotela greift in ihrem Stück «Das Huhn hat sei­ne Eier gelegt» die Situation junger Frauen in den Townships auf. ZTS Christian Altorfer

Im Geist immer noch präsent

Und was unterscheidet die beiden von Makeba? Chuma Sopotela: «Ihrer Generation ging es primär um die Befreiung der schwarzen Bevölkerung, da waren Männer wie Frauen gemeint. Ich kämpfe heute für die Situation der Frauen. Mein aktuelles Stück handelt von weiblichen Erfahrungen, zwar von persönlichen, die aber auf alle Frauen in den Townships zutreffen.»

Beide betonen, dass Miriam Makeba in ihrem Geist immer noch stark präsent sei, «wie eine Mutter». Bei Chuma Sopotela zuhause sei vor kurzem ein Bild von Makeba als junge Sängerin versteigert worden: «Das hätte ich unbedingt haben wollen. Aber ich war schon hier in der Schweiz, jetzt hat es mir jemand anders weggeschnappt.»

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