Mao Zedong – Pop-Ikone und Youtube-Star

Vor 50 Jahren begann sie, vor 40 Jahren ging sie zu Ende: die chinesische Kulturrevolution – eine politische Bewegung, welche die Ideologie von Mao Zedong verbreiten sollte. Ihr Nachhall ist bis heute laut: Im chinesischen Internet bekommen Mao-Kult und Propagandalieder neuen Aufwind.

Zwei Menschen vor einem grossen roten Wandgemälde, das Mao Zedong zeigt.

Bildlegende: Mao-Gemälde am «Fun and Art»-Festival in Xian, China: «Mao funktioniert als Kit», sagt Sinologin Barbara Mittler. Getty Images

Mao Zedongs sogenannte «Grosse Proletarische Kulturrevolution» war ein dunkles Kapitel in der chinesischen Geschichte: Millionen Menschen – vor allem Intellektuelle – wurden gedemütigt, gefoltert oder in den Selbstmord getrieben. Tempel und Kulturgüter wurden zerstört, Schulen und Universitäten geschlossen und auch die traditionelle chinesische und die klassische europäische Musik wurde offiziell verbannt.

Die Kulturrevolution endete mit dem Tod Maos 1976. Und doch: In China ist sie noch heute allgegenwärtig. Junge Chinesinnen und Chinesen heiraten im Stil der Kulturrevolution, sie singen Pop- und Rockversionen von Propagandaliedern aus der Mao-Zeit in Karaoke-Bars und leben den neuen Kult auch im Internet aus, auf chinesischen Videoportalen wie Tudou oder Youku.

Kulturrevolution im digitalen Zeitalter

Ein solcher Video-Hit ist eine verzerrte Elektro-Version des Propaganda-Schlagers «Der Sozialismus ist gut», die sich inzwischen auch auf Youtube findet. Das Video zeigt bekannte Propagandabilder – von Soldaten, Arbeitern auf Traktoren und vom «grossen Steuermann» Mao Zedong. Doch wie bei einer Jahrmarkt-Fotowand sind die Köpfe ausgeschnitten und mit Porträts von Barack Obama ersetzt. Er bewegt seinen Mund zum chinesischen Text – mit amerikanischem Akzent, versteht sich.

Ein Badge mit einem «Obamao», einer Mischung aus Mao und Obama, drauf.

Bildlegende: Eine seltsame Mischung zum Anhängen: der kultige «Obamao». Keystone

Ist das nur postmoderner Spass, ein US-amerikanischer Präsident, der das sozialistische Paradies preist? «Nicht nur», sagt die Sinologin Barbara Mittler von der Universität Heidelberg: «Neben der Ironie sehe ich hier auch die ernsthafte Suche nach neuen Helden. Als Nachfolger für Mao eignet sich eine Pop-Ikone wie Obama gut, denn sein Slogan ‹Yes, we can› erinnert sofort an Maos Durchhalte-Parolen aus dem Kleinen Roten Buch: ‹Resolut sein, keine Opfer scheuen, bis zum Sieg ... ›. Im chinesischen Bewusstsein verschränken sich so die beiden Figuren Obama und Mao zu einem Oba-Mao.»

Jackson als «Beat it» als Hymne

Neue Helden mit alten Bildern kursieren im chinesischen Internet auch in Form von Mash-ups. Ein Dauerbrenner ist Michael Jacksons Song «Beat it», der mit Bildern aus der «Langen Marsch Suite» (die die ruhmreiche Flucht der Kommunisten vor den Nationalisten beschreibt) synchronisiert ist, einem symphonischen Propagandastück aus der Endzeit der Kulturrevolution.

Eine Frau macht ein Selfie von sich und einem Bild von Mao Zedong.

Bildlegende: Auch ein beliebtes Selfie-Sujet: Mao Zedong. Keystone

Das Ergebnis ist grotesk: Sänger, Chor und Orchester in Uniformen der Volksbefreiungsarmee singen punktgenau Michael Jacksons Hit von 1983. Auch hier sieht Barbara Mittler eine inhaltliche Verschränkung: «Es ist kein Zufall, dass hier die ‹Long March Suite› und ‹Beat it› kombiniert werden. Beide Stücke rufen in ihren Texten dazu auf, zusammenzustehen und sich gegenseitig zu unterstützen statt gegeneinander zu kämpfen.»

Verklärung statt Aufarbeitung

So unbedarft die Macherinnen und Macher der Pop-Versionen und Videos mit den Versatzstücken einer dunklen Epoche hier auch spielen mögen: Die Zeit der Kulturrevolution ist in China ein Reizthema. Die chinesische Regierung stellt offiziell Maos Verdienste vor seine Verbrechen und umschifft die gründliche Aufarbeitung der Mao-Ära – sie könnte ja das System in Frage stellen.

Im Familienkreis sieht es nicht anders aus: «Viele ältere Menschen in China haben an die Zeit der Kulturrevolution traumatische Erinnerungen. Aber sie sprechen nicht darüber», sagt Barbara Mittler. «Jüngere Chinesinnen und Chinesen wissen wenig über diese Zeit und so entwickelt sich gerade deswegen die Faszination des Unbekannten.»

Die Erinnerung an Mao als eine Art Kitt

Doch diese Trends im chinesischen Internet nur zu verteufeln, wäre zu kurz gedacht: Die jungen Chinesinnen und Chinesinnen eignen sich die alte Propagandakunst aktiv an, sie überschreiben sie mit neuen Bedeutungen und drücken mit dem Rückgriff auf die Vergangenheit auch ihre chinesische Identität aus.

«Mao ist für viele Chinesinnen und Chinesen immer noch der Mensch, der China geeint hat. Im heutigen ‹sozialistischen Kapitalismus›, der in China herrscht, sind viele Menschen enttäuscht über den Verlust altruistischer Werte und Gefühle: Die Erinnerung an Mao und seine Ideen funktioniert deswegen wie eine Art Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Selbst für jüngere Menschen, die seine Herrschaft nicht erlebt haben.»

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