Mehr als Gestöhne und Gedudel: Musik im Pornofilm

Filmmusik beeinflusst die Wahrnehmung der Zuschauer – auch im Pornofilm. Wie muss Musik sein, damit sie antörnt? Kommt sie immer aus der Konserve? Und in welchen Szenen hat sie nichts zu suchen? Ein Abstecher in die Welt der Pornofilmmusik.

Zwei Frauen, die sich anschauen.

Bildlegende: Von Claude Debussy bis Jeff Woodell: In «Wasteland» spielt auch die Musik eine grosse Rolle. Elegant Angel

  • Selbst durchschnittliche Pornofilme setzen Musik nicht ganz wahllos ein.
  • Eine Untersuchung von über 400 Filmen des Genres zeigt, dass die Musik oft eine dramaturgische Funktion hat.
  • In Pornofilmen mit grossem Budget wird der Musik gleichviel Aufmerksamkeit geschenkt wie in einem Hollywood-Film.

Das Klischee stimmt oft

Auch wer noch nie einen Pornofilm gesehen hat, assoziiert dieses Genre mit einer bestimmten Musik: dudeliger E-Gitarren-Sound oder nichtssagende Fahrstuhlmusik aus dem Computer.

Bei vielen Pornoproduktionen ist es wirklich so: Die Musik ist nichts mehr als die Füllmasse, damit es nicht beschämend ruhig bleibt. Die Regisseurinnen und Regisseure kaufen fliessbandgefertigte «Gebrauchsmusik» unbekannter Komponisten auf Internetplattformen und pappen sie als Soundteppich unter den fertigproduzierten Film.

Wenn es richtig losgeht, herrscht Stille

Aber ganz so wahllos ist die Musik dann doch nicht: Die Melodien und Musikgenres werden den jeweiligen Charakteren und Szenerien angepasst – und natürlich auch der jeweiligen Sexpraxis. Countrymusik bei einer heissen Nummer auf dem Strohballen, Hard Rock mit wilden Gitarrenriffs bei Lack und Leder. Und je expliziter es wird, desto schneller das Tempo der Musik.

«Wenn es richtig zur Sache geht, setzt die Musik oft aus. Dann ist es still und nur noch die Sexgeräusche sind zu hören», sagt die österreichische Musikerin und Kulturwissenschaftlerin Cynthia Gutjahr, die über 400 Pornofilme auf die Musik hin untersucht hat.

Musik kann die Lust steigern – oder abturnen

Indie- oder High-End-Produktionen legen heute immer mehr Wert auf ihren Soundtrack. So gibt es eigens komponierte Filmmusik, der seit 2009 die AVN Awards Rechnung tragen. Dieses Porno-Pendant zu den Oscars führte damals die Kategorie «Best Original Song» ein.

Der britische Pornofilm-Komponist Goku Music erzählt im Interview mit dem Filmmusikmagazin «Cinema Musica», dass er beim Komponieren für Pornofilme nicht weniger künstlerische Freiheit hatte als bei normalen Spielfilmen. Goku Music arbeitete für eine grosse Pornofilm-Produktionsfirma und verdiente pro Film um die 5000 Dollar, bis er das Geschäft verliess.

Das Arbeitsumfeld war hart und er war künstlerisch unterfordert: «Wenn Pornomusik zu gut komponiert ist, lässt sie den Film zu ernst wirken», sagt der Komponist. Die Musik lenke dann ab vom eigentlichen Geschehen. «Es war schwierig für mich, denn ich musste zwar gut sein, durfte aber nicht zu gut sein.» Also komponierte er oft nur Sequenzen von wenigen Minuten, die er dann variierte.

Geschichte der Pornofilmmusik

Über die Rolle der Musik in den Anfängen des Porno-Films um 1900 ist wenig bekannt. Erotische Stummfilme waren das, «pikante Filme für Herrenabende» die in Wanderkinos gezeigt wurden und vor allem aus Entkleidungsszenen bestanden.

Die Filmwissenschaftlerin Linda Williams von der UC. Berkeley untersucht diese frühen Filme: «Wahrscheinlich gab es bei dem einen oder anderen Film Klavierbegleitung, aber da sie in Europa vor allem in Bordellen und in den USA auf Junggesellenabenden gezeigt wurden, glaube ich, dass bei der Vorführung vor allem Stille herrschte und nur der Projektor ratterte.»

Die neue Rolle der Musik

In der goldenen Zeit des Pornos, in den 1970er-Jahren, bekam die Musik eine wichtige Rolle. Zur Kultplatte avancierte der Soundtrack des Porno-Klassikers «Deep Throat» von 1972.Hier sind alle Songs eigens von einer Big Band gespielt. Das tönt nach Boogie Woogie, nach Funk, Soul und Rocky-Horror Picture Show – und die Lyrics der Songs kommentieren das Geschehen ironisch.

In einem Film wie «Mona the Virgin Nymph» von 1970, dem ersten US-Kinopornofilm, deutet die Musikauswahl die Figuren: In einer Szene wird eine ältere Frau vorgestellt, mit Hornbrille, Hochsteckfrisur und ein Buch lesend. Dazu läuft ein hölzern gespieltes Präludium von Bach.

Ein Ausschnitt aus dem Filmplakat von «Mona the Virgin Nymph».

Bildlegende: «Mona the Virgin Nymph» (1970) war der erste Kinoporno-Film in den USA. Wikipedia / Wrong Site of the Art

«Als sie dann zu masturbieren beginnt, wechseln die Klänge in schrillen orientalischen Sound. Hier hat die Musik ganz klar eine dramaturgische Funktion», sagt Cynthia Gutjahr. «Nach einem keuschen Bach wirkt alles umso verruchter.»

Experimentelle Musik im Pornofilm

Dass Pornofilmmusik auch experimentell sein kann, zeigt Andrew Blakes Film «Decadence» von 2000. In Zeitlupe vergnügen sich darin Frauen miteinander im dekadenten Venedig.

Der spanische Jazzmusiker Raoul Valve hat dazu ein komplexes Soundesign aus gesampleten Stöhnern, Perkussion und chinesischen Gongs kreiert.

Diese hypnotischen Klänge halten die losen Szenen zusammen und peitschen den Puls der Betrachter langsam hoch.

Je grösser das Budget, desto mehr zählt die Musik

In den letzten Jahren hat das Drama Einzug gehalten in Pornofilme. Mit grossem Budget werden Filme produziert, die eine mehr oder weniger plausible Handlung haben, aufwendig gefilmt sind und mit Darstellerinnen und Darstellern arbeiten, die schauspielern können.

In diesen Produktionen bekommt die Musik so viel Aufmerksamkeit wie im Hollywoodfilm. Ein Beispiel ist «Wasteland» von Graham Travis über die beiden Freundinnen Anna und Jacky, die in Los Angeles dem Alltag entfliehen.

Die Musikauswahl geht vom Singer-Songwriter Jeff Woodell bis zu Barber und Debussy und dient dazu, die Beziehung der beiden Frauen zu beschreiben.

Cynthia Gutjahr hat beobachtet: «Wenn die Frauen miteinander Sex haben, ist die Musik sehr präsent und wird zum Bindeglied zwischen den Gefühlswelten und den Körpern der Frauen. Wenn sie mit Männern schlafen, verzichtet der Film auf Musik, da bleibt also alles kühl und distanziert.»

Musik ist also nicht nur Hintergrund, sie kann durchaus miterzählen – sogar in Pornofilmen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Stimmt’s, dass klassische Musik ein Liebestöter ist?

    Aus Musikmagazin vom 17.9.2016

    Ein schlüpfriges Thema heute in der stimmts-Rubrik. Eins für rote Ohren: Stimmts, dass klassische Musik eine Liebestöterin ist? Nicht so harmlos, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn es geht um - die Welt der Pornofilme.

    Die Kulturwissenschaftlerin Cynthia Gutjahr kann Licht ins Dunkel bringen. Theresa Beyer unterhält sich mit ihr.

    Theresa Beyer